Phoenix AZ - Payson AZ

(mit Velo gefahrene Strecke = blau / aktueller Ort = das orange Häuschen oben auf der Karte)

Der Untertitel könnte auch heissen "aller Anfang ist schwer" (was aber nicht heissen soll dass es nicht auch schön war)... Jedenfalls hab ich mir wohl einen ziemlichen Brocken Strecke gerade zu Beginn ausgesucht. Aber was einen nicht umbringt macht einen stärker, nicht wahr? ;-) Die Fahrt aus Phoenix und seinen Vororten heraus (Tempe und Mesa machen jeweils einen sehr netten Eindruck) ist kein Problem, alles Radwege, vorbei an vielen Blumen-, Büschen-, Kakteen- und Bäumen-umsäumten Strassen. Einmal raus aus der City ist der Weg zu meinem auserkorenen Campingplatz im "Lost Dutchman State Park" nicht weit und die paar Höhenmeter die man sich bis hierhin noch hinaufschraubt nimmt man kaum wahr. Der Campingplatz erfreut mit ein paar eigenen "Hiker/Biker"-Zeltstellplätzen (kleine, etwas abgelegenere Plätze ohne direkte Strassen-/Auto-Anbindung aber nicht weit entfernt von den Duschen usw) und ist so fantastisch gelegen, dass es die nächste Zeit schwer sein wird das zu überbieten. Ich freue mich auf eine Dusche, kann mich jedoch kaum von den vielen Vögeln, Kakteen, Echsen und Kaninchen, welche auf dem ganzen Zeltplatz herumwuseln, losreissen. Nach der Dusche beäuge ich noch das Velo etwas genauer, hatte ich doch das Gefühl beim Schalten stimme etwas nicht, und siehe da, der Umwerfer funktioniert nicht richtig und somit hat sich doch der Kauf des Werkzeugs gleich gelohnt. Nach ein paar hilflosen Momenten und einer kurzen Panikattacke ist die Ursache gefunden und repariert. Gleich an diesem ersten Campingtag bin ich froh, ein freistehendes Zelt gewählt zu haben, hätte ich mir doch beim Versuch Heringe in diesen steinharten Boden zu rammen Blasen an die Hände geklopft. Ich freue mich schon auf den Sonnenuntergang, werde diesen jedoch später mehr oder weniger verpassen da ich mit Priscilla & Chuck (und ihrem Hund Hawk) vor ihrem Trailer ein nettes Gespräch führe (die beiden wollten mich auch direkt zum Essen einladen, jedoch hatte ich (leider) schon gegessen...). 


Am nächsten Tag geht es weiter, die Ranger am Ausgang des Zeltplatzes sagen mir noch, dass ich aufpassen soll, die Strecke wäre an manchen Stellen etwas eng und manche hätten schon Angst, diese mit dem Auto zu bewältigen (im Nachhinein muss ich sagen, dass diese Leute einerseits offensichtlich die Strassenverhältnisse bezüglich Enge und Kurven usw eines Schweizer Bergdorfes nicht kennen, andererseits sind sie hier auch mit riesigen Vans, Pickups und Wohnmobilen unterwegs UND ziehen dann auch noch Boote auf Anhängern hinter sich her...), sagen mir dann aber noch, dass ja nach soundsoviel Meilen die Strecke "unpaved", also unbefestigt ist (gut zu wissen, danke... yippieh), und dort dann weniger Verkehr herrscht... dafür sei aber die Strecke wunderschön! Also ziehe ich los mit einem lachenden und einem weinenden Auge... die ersten Stunden vergehen, die Landschaft ist wunderschön, es geht durch Sandstein-Canyons und der Blick reicht schnell zu den ersten Seen, auf denen die Sonntagsausflügler auf Booten und in Kayaks ihre Kreise ziehen. Der Verkehr ist zwar ausreichend aber nicht schlimm, und die Motoristen haben sich bisher ausgesprochen fair verhalten, d.h. haben mich immer in gebührendem Abstand überholt und sind vor Kurven immer brav hinter mir her gefahren. Keiner schimpft, alle winken, einzelne fragen (vor allem wenn man am Rand steht und eine Pause macht) ob alles in Ordnung sei. Nach Tortilla Flat (die letzte Versorgungsstelle für eine ganze Weile - wenn ich gewusst hätte was danach kommt hätte ich noch ein paar Sodas aus dem Automaten gezogen...) zieht der Weg langsam an, es wird steiler und steiler, und tageszeitentechnisch auch immer heisser. Die Steigungen sind bald so, dass nur noch schieben geht und die Pausen zunehmen (bei denen ich, im Schatten mancher Büsche oder Kakteen sitzend, halbwegs einschlafe, wenn da nur nicht die vielen Fliegen wären, die IMMER die Ohren anpeilen und man reflexartig um sch schlägt...). Mir wird bald klar, dass ich es an diesem Tag nicht zu meinem angepeilten Ziel schaffen werde, zumal der ganze ungeteerte Strassenteil noch vor mir liegt. In solchen Momenten, in denen man sofort "bitte nimm mich mit" sagen würde fragt natürlich keiner ob alles ok ist... und Autos einfach rauszuwinken und anzuhalten bringt einen in einen Zwiespalt, hat man doch einerseits das Gefühl man würde aufgeben und versagen, und irgendwie will man es ja auch selber schaffen... bis zum Anfang der ungeteerten Strasse habe ich mich dann hochgequält, sehe aber die Strasse sich weiter und weiter den Berg hochschrauben und will einfach nicht mehr. Eine Weile stehe ich da, und wenn jemand von sich aus angehalten hätte wär ich mitgefahren. Da dies aber nicht passiert beäuge ich so langsam die Gegend nach möglichen Plätzen für mein Zelt. Die Autos werden immer weniger und Siedlungen sind weit weg, von dem her mache ich mir wenig Sorgen. Ein Plätzchen ist schnell gefunden, (fast) nicht sichtbar von der Strasse, ich warte mit dem Zeltaufbau bis es dunkel wird und mache mir erst einmal was zu essen. Es ist einer dieser Momente - man kommt sich schwach vor und fragt sich, ob man sich übernommen hat und was man sowieso und überhaupt da eigentlich macht, fühlt sich einsam und albern und noch dazu hat man das Gefühl man riecht wie ein nasser Strassenköter... bis ich denke Schluss damit, du wolltest das so und jetzt mach verdammt nochmal das beste draus - schau dich um. Und allein schon der Sonnenuntergang und der nächtliche Sternenhimmel (und dazu die Rufe von Eulen...) machen schnell so einiges wieder wett. 

Auch diese Nacht bin ich froh um das freistehende Zelt, auch wenn ich nicht viel Schlaf bekomme, da es irgendwann in der Nacht anfängt zu stürmen. Das Zelt hält aber und gegen Morgen lässt auch der Wind nach, und sobald es hell wird sitze ich wieder auf dem Rad.


Wie ich schnell merke war ich nur kurz unter dem "Gipfel", eine Infotafel verrät mir, dass sich ab nun der Fish Creek Canyon an diesem Stück des Apache Trails in engen, steilen Stücken die Schlucht herabstürzt, das alles einspurig versteht sich und natürlich immer noch auf der unbefestigten Strasse. Ich sage nur so viel - ich habe das Rad teilweise runter geschoben, so steil ist es. Mit so viel Gepäck und sandigem Untergrund und einer Kurve nach der anderen geht man da besser kein Risiko ein. Der Canyon selber und die Blicke durch die Schlucht sind aber fantastisch, und das alles im Morgenlicht und ohne Autos. Ganz unten in der Schlucht kommt mir dann der erste Fahrer entgegen, er fragte ob ich noch bis Roosevelt Lake fahren will, was ich bejahe, und das einzige was er sagt ist "oh, na da beneide ich dich nicht drum". Ok... Ich lasse mir vorerst die Stimmung nicht verderben, geniesse die Gegend, die morgendliche kühle Luft, amüsiere mich an lustigen Vögeln die sich die Strasse rauf und runter jagen und dazu lustige Geräusche machen, beobachte Hasen und Hörnchen und warte bei der Szenerie um mich herum darauf, dass irgendwo hinter einem Kaktus Winnetou oder zumindest Abahatschi auftaucht, und fahre gemütlich die stetig steigende Strasse entlang. Bis zum ersten Ausblick auf den Apache Lake geht es soweit ganz gut. Aber dann. Regel Nummer eins: wenns fies wird, dann wirds richtig fies. Wie am Vortag, Steigungen von 8-11%, diesmal aber mit Wellblechpiste und Sand, vor allem am Beginn der Steigungen und in Kurven. Das macht das Fahren nicht nur unmöglich sondern auch gefährlich. In einer Abfahrt, die ich nutzen will um für den danach sichtbaren Aufstieg Schwung zu holen haut es mich fast vom Rad weil sich in der Senke so viel Sand angesammelt hat. Mit der Zeit verflucht man jede Abfahrt weil man weiss, dass es danach eh bloss wieder hoch geht. Und allesamt so steil... ich bin fix & foxi nach ein paar Stunden dieses Auf & Abs. Da muss man sich dann wirklich zwingen, die schöne Landschaft ringsrum überhaupt noch wahrzunehmen. Man wird müder und schlapper und dann fangen auch noch die Geier an über dir zu kreisen... Vor dem Roosevelt Dam, als ich gerade mal wieder eine Pause mache, kommt mir Mick auf seinem Töff entgegen, fragt die üblichen Fragen und meint dann nur "Dass, was du da machst machen nicht viele und ist ein "once-in-a-lifetime-thing", du wirst dich dein Leben lang daran erinnern. Roosevelt ist nicht weit, du hast es fast geschafft. Gute Reise." Solche kleinen Begegbungen geben wieder etwas Mut und Schwung und man kämpft sich wieder ein Stück weiter. Beim Damm ist ein Aussichtspunkt einige Autos stehen da, und ich sehe wie die Strasse sich da noch ein ganz schön steiles Stück hochschraubt, sehr eng und relativ stark befahren ist. Also fasse ich mir ein Herz und frage eine Gruppe von Leuten mit einem riesigen Pickup ob sie mich wohl mit bis da oben hin mitnehmen würden. Alles kein Problem, Velo und Taschen auf die Ladefläche und ich bekomme fast einen Kälteschock als ich in das klimatisierte Fahrzeug einsteige. Auf dem Weg nach oben ergibt dann eins das andere, mit dem Ergebnis dass diese netten und äusserst lustigen Leute um Blair & Mindy mich bis nach Payson fahren, obwohl das gar nicht ihr Ziel war, aber sie meinen für sie wäre das ja nur ein kleiner Umweg, für mich aber ein bis zwei Tage Fahrt, und ich bin ehrlich gesagt nach diesen ersten drei Tagen nicht böse. Ich freue mich auf eine Dusche, etwas Schlaf, und verpasse mir einen Tag Ruhe, damit sich auch die Muskeln wieder erholen können. Habe ich doch an diesen ersten drei Tagen mehr als 2000 Höhenmeter abgespult (wobei auf den ersten Tag nur etwa 250 hm entfallen) und insgesamt 121 km zurückgelegt. Das mag für manche nicht viel sein, für mich ist es das aber schon, und erst recht da ich momentan komplett untrainiert bin und auch mit der Hitze (35°, auch wenn es nachts auf 15° runtergeht und trocken ist, aber wenn man bedenkt dass ich vor einer Woche noch im Schnee sass...) noch klarkommen muss, und so bin ich doch stolz auf die zurückgelegte Strecke :-) (und auf jeden, der den Text bis hierhin gelesen hat...! here, have a cookie =) 


Morgen (Mittwoch) geht es weiter Richtung Holbrook und dann zum Petrified Forest NP, juhui! 

Bilder (anklicken zum Vergrössern) / click to enlarge

Kommentare: 8 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Katja (Mittwoch, 15 April 2015 07:51)

    Wie amüsant zu lesen. Ich freue mich, dass es dort so viele nette Menschen gibt. Bin schon gespannt auf die Fortsetzung.

  • #2

    anselm & Barbara (Mittwoch, 15 April 2015 09:31)

    soo spannend, deinen bericht zu lesen! wir haben virtuell mit dir gelitten und das cookie genossen.
    gestern waren wir am westlichsten punkt europas, dem cabo da roca. herzliche grüsse aus der nation der seefahrer.

  • #3

    GuW (Mittwoch, 15 April 2015 10:43)

    ...und immer wieder entdecken wir neue Seiten an dir: dass deine Fotos begeistern, weisst du, - deine schriftstellerische Ader war bis jetzt nicht so offensichtlich... good luck weiterhin!

  • #4

    Kurt (Mittwoch, 15 April 2015 11:30)

    Für die fantastischen Eindrücke, die du bereits gewonnen hast, lohnen sie die müden Beine allemal. Deine Berichte sind super, die Fotos grandios. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung und wünsche dir weiterhin gute Fahrt.
    Liebe Grüsse aus Basel, wo gerade der Frühling bei schönsten Wetter und Temperaturen um 25 Grad explosionsartig ausbricht.
    Kurt

  • #5

    Renate (Mittwoch, 15 April 2015 15:45)

    Danke für deine eindrücklichen Berichte und die tollen Fotos. Freue mich schon auf die Fortsetzung …. halt die Ohren steif. Grosse Bewunderung aus St. Moritz von der ganzen Friedrich Family. Liaba Gruass

  • #6

    paul menz (Donnerstag, 16 April 2015 09:06)

    Liebe Katrin
    Dein Bericht, deine Bilder ... einfach fantastisch!!
    Meine Frau Lisbeth und ich geniessen deine interessanten Berichte und die wunderschönen Bilder.
    Herzlichen Glückwunsch zu deiner wunderbaren Reise, auf der wir dich gerne weiter begleiten werden, und liebe Grüsse von
    Lisbeth und Paul

  • #7

    Mick (Montag, 20 April 2015 22:49)

    Liebe Katrin,
    vielen Dank erstmal noch für den Keks! Der war echt lecker zu dem Muckefuck, den ich vorhin zum Andenken an dich getrunken habe! :-)
    Wow, das war ein wirklich spannender und toll geschriebener Bericht! Sehr ehrlich und authentisch auch! Aber ich lese dich ja schon immer seeehr gern! <3
    Die LOST-Erwähnung hat mich natürlich besonders gefreut! ;-)
    Aber ich glaube nicht, dass diese Reise etwas Einmaliges für dich bleiben wird - ist sie ja angesichts deines Résumés schon jetzt nicht mehr!
    Und wenn du untrainiert bist, was heißt das dann für mich?! O.o
    Ich wünsche dir weiterhin alles Gute und freue mich schon auf deinen nächsten Eintrag!
    Alles Liebe,
    der andere Mick ohne Töff ;-)

  • #8

    Susann (Mittwoch, 29 April 2015 15:49)

    Bewundere Dich Katrin .... Genial wie Du das alles schaffst . Bin gespannt auf Deine nächsten Berichte und Bilder.
    Pass auf Dich auf

Twenty years from now you will be more disappointed by the things you didn't do than by the ones you did do. So throw off the bowlines, sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.

-- Mark Twain