gross, grösser, Grand Canyon

" Traveling is a brutality. It forces you to trust strangers and to lose sight of all that familiar comfort of home and friends. You are constantly off balance. Nothing is yours except the essential things - air, sleep, dreams, the sea, the sky - all things tending towards the eternal or what we imagine of it "

- Cesare Pavese

Flagstaff gefällt mir, obwohl ich leider nicht allzuviel davon sehe. An meinem ersten Pausentag will ich in die Innenstadt, die laut Reiseführer noch ganz herzig sein soll. Ist sie auch – es gibt richtige Fussgängermeilen, engere Strassen als sonst hier in den bisherigen Städten, mit vielen kleinen originellen Läden und Cafés. An vielen Geschäften sieht man Schilder, dass Leute die telefonieren nicht bedient werden... sehr sympathisch :-) Man sieht viele Fussgänger und Radfahrer, es gibt viele Sportgeschäfte. Leider fängt es kurz nach meiner Ankunft an zu regnen und hört während den zwei Tagen auch nur selten mal damit auf (zudem ist es recht kalt, soll Samstagnacht eventuell sogar schneien), deswegen gibt es leider hier nicht viele Bilder; auch mein geplanter Ausflug zum Flagstaffer Schweizerviertel fällt buchstäblich ins Wasser (es gibt wiederum eine Zurich Street, Matterhorn Drive, St Moritz Way, Ascona Way, Bern Street, Swiss Road, Lugano Way, Zermatt Way, Fribourg Way, Arosa Way, Eiger Mountain Road (gleich daneben die Everest Street ;-) ) ... unglaublich! Ich belasse es also bei den notwendigen Besorgungen, statte der „besten Pizzeria Flagstaffs“ (Fratelli Pizza) einen Besuch ab (die Pizza war auch gut und so gar nicht amerikanisch) sowie einem unglaublich riesigen Bioladen, in dem ich mir wünschte ich hätte einen Anhänger fürs Velo um all die feinen Sachen mitzunehmen ;-) Die Mitnahme der Regensachen hat sich mit diesem Tag also schonmal gelohnt =) Den Rest der Zeit verbringe ich mit ausruhen, Velopflege, Wäsche waschen, skypen, Emails, dem letzten Blog-Eintrag und etwas TV sowie jeder Menge Recherche zu meiner weiteren Route. Ich finde ein paar „Geheimtipps“ die ich hoffentlich in Angriff nehmen kann.


Sonntag früh sitze ich nun wieder auf dem Rad. Ich fühle mich eigentlich fit und ausgeruht, bis zu dem Moment als ich aufs Rad steige – meine Beine fühlen sich an wie Blei und ich komme am Anfang kaum vom Fleck. Das ist schon etwas frustrierend. Der Rest vom Tag wird leider nicht viel besser – die Landschaft wäre eigentlich schön, doch spielt das Wetter nicht so mit wie gedacht, auch 20% Chance auf Regen sind eben 20% und ich radel genau mittenrein. Dass die Strasse (gefühlt) permanent bergauf geht (obwohl mein Ziel sogar ein paar Meter tiefer liegt als der Start), dazu fast ununterbrochen Gegenwind (der später auch noch extrem kalt wird (bei sowieso schon nur 12 °C) und mir trotz Handschuhe halb die Finger einfrieren) geht ist eine Sache, als ich aber dazu noch Schneeregen und kurz vor Ende meiner Tour auch noch Graupelschauer und Hagel abbekomme reicht es mir so langsam. Dazu die schlechteste Strasse (als der Seitenstreifen) bisher, über viele Kilometer hin ist der Belag extrem bröckelig, mit viele Rissen, Rillen und Löchern, sodass es sich anfühlt als würde man auf einer Buckelpiste fahren. Freude! Aber genug gemeckert – heil angekommen, und bei der Registrierung gibt es kostenlosen Kaffee, da kommt langsam wieder Leben zurück in die kalten Gliedmassen. Morgen soll es trocken bleiben und die Kaltfront ist auch vorbei, es soll bis 18°C raufgehen. Der Wind dreht zwar von West auf Nordost, ist aber auch logisch, da ich statt wie die letzten Tage gen Westen ja ab morgen nun auch gen Norden fahren ;-)


Ui was für eine Nacht das war... ich hatte ja bereits ein paar Nächte mit Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt, aber als so kalt habe ich die alle nicht empfunden, was wohl an der (fehlenden bzw. Niedrigen) Luftfeuchtigkeit lag. Diese ist hier nun sehr hoch, zum einen hat es ja zwei Tage lang geregnet/geschneit, zum anderen ist der Zeltplatz mitten im Wald. Mir ist jedenfalls schon kalt bevor es richtig dunkel ist und ich verkrieche mich schnell im Schlafsack. Dieser leistet auch weiterhin seinen Dienst, aber die Körperteile – sprich der Kopf – die ausserhalb sind merken den Unterschied sehr. Am Ende langt auch das Tuch um Mund und Nase nicht mehr und ich vergrabe selbst meinen Kopf im Schlafsack, in der Hoffnung nicht zu ersticken. Als ich am Morgen vorsichtig das Zelt öffne (immerhin scheint die Sonne!) ist das Zelt voller Eiskristalle... soviel dazu. Da ich es ja glücklicherweise nicht eilig habe warte ich also, bis die Sonne sowohl mich als auch das Zelt aufgewärmt hat (und im Office gibt es gratis Kaffee, juhui), und dann geht es wieder los. Die Fahrt geht einigermassen gut, trotz Wind (der immer gerne in Böen auftaucht, was das Balancieren auf dem schmalen Seitenstreifen zur Akrobatik ausarten lässt), wie immer rauf und runter, der Seitenstreifen ist schmal aber dafür gibt es auf dieser Strecke nun viel weniger Trucks, was auch für die Ohren mal ganz angenehm ist. Zwischenzeitlich macht mir der Wind zwar recht zu schaffen – wenn man selbst bergab (!) noch kräftig treten muss um wenn überhaupt auf 15km/h zu kommen... aber irgendwie kommt man ja letztendlich immer vom Fleck. Als ich mein heutiges Ziel erreiche (ein Campingplatz neben einem Fred-Freuerstein-Vergnügungspark) kommt mir dieses derart komisch vor (am Anfang ist fast kein Mensch dort, am Rande des Platzes stehen einige verlassene & vermüllte Camper) dass ich lange überlege, ob ich bleibe oder nicht. Nach dem Beobachten vieler interessanter Vögel, einem Gepräch mit dem Manager (der mir später sogar gratis Feuerholz bringt), der Inspektion der sanitären Anlagen sowie letztendlich dem Erscheinen anderer Gäste entscheide ich mich zu bleiben. Ich gönne mir einen „Bronto-Burger“ in Fred's Diner (der erstaunlich gut ist), erlebe einen fantastischen Sonnenuntergang und mache ein wunderbar wärmendes Feuer. Da ich hier wieder mitten in der Prärie bin ist es auch wieder einiges trockener und die Nacht mit der vorherigen nicht zu vergleichen. Morgen geht es zum Grand Canyon!


Mein treuer Begleiter – der Wind – ist diesmal sogar schon vor mir wach (und das heisst vor 5:30), obwohl er sich sonst immer erst ein paar Stunden später blicken lässt. Da kommt Freude auf. Ich mache mich schon zeitig auf den Weg, da ich die frühen Stunden mit hoffentlich wenig(er) Verkehr nutzen will (diese Rechnung geht auch einigermassen auf). Nach einer Weile ändert sich die Landschaft und ich fahre durch einen schönen Wald, der nun auch grösstenteils den Wind im Zaum hält. In Tusayan mache ich einen Zwischenstop, habe ich doch mehrfach Leute von dem Grand Canyon IMAX Film im National Geographic Center schwärmen gehört und möchte mir diesen auch zu Gemüte führen. Hätte ich mir zwar im Nachhinein sparen können, da ich mir den Film ganz anders vorgestellt hatte, aber was solls, er war ganz unterhaltsam. Weiter gehts, nun ist es bis zum Eingang und zum berühmten Mather Campground nicht mehr weit. Hier gibt es sogenannte Hiker/Biker-Sites, kleine Stellplätze die man sich mit anderen teilt, alles Leute ohne Auto! Da werden doch hoffentlich auch ein paar Biker anzutreffen sein, wäre schön mal mit anderen ins Gespräch zu kommen. Als ich ankomme treffe ich als erstes Désiree, eine ursprüngliche Schweizerin (aus dem französischen Teil), die aber schon seit über 20 Jahren in den USA lebt. Sie will am nächsten Tag mit Freunden zu einer mehrtägigen Wanderung hinab in den Canyon starten. Ich steuere als erstes die Dusche an – wunderbar! Manchmal gibt es kein besseres Gefühl, da muss der Canyon noch einen Moment warten ;-) Nach der Dusche treffe ich Christine, eine Kalifornierin, 64, hat eine eigene Firma und sich die letzten 6 Jahre rund um die Uhr um ihre Eltern gekümmert. Nun schafft sie es alleine nicht mehr und hat Hilfe organisiert, und musste nun „erst mal raus“. Sie ist mit ihrem kleinen Auto unterwegs und hat zum Teil auf der Rückbank geschlafen, ab und an zeltet sie aber auch. Herrlich, was man alles so für Geschichten mitbekommt unterwegs. Als ich zum Zelt zurückkomme siehe da – der erste Biker! Es ist Paul, ein Cop aus Kalifornien, der auch „ab und zu mal ein paar Tage einfach verschwinden muss“, und dies am liebsten mit dem Bike tut. Er ist mit einem Fatbike unterwegs! Konnte dies von Flagstaff quer durch den Wald auch gut gebrauchen, da es ja frisch geschneit hatte. Die Aufhängungen für Taschen und Flaschen usw. sind alle Marke Eigenbau.

Danach mache ich mich aber endlich mal auf zum Canyon. Oh boy. Wenn ich daran denke, dass ich erst gar nicht hierher kommen wollte... man denkt ja, man hat schon so viele Bilder vom GC gesehen, dass man vorher schon fast übersättigt ist... wie falsch man doch liegen kann! Ich hätte nicht gedacht, dass einen dieser erste Moment, der erste Blick so umhauen kann. Es nimmt mir buchstäblich den Atem. Schwer zu beschreiben, was man da empfindet, da die Bilder alle niemals dem gerecht werden können, was man da vor sich sieht. Diese unglaubliche Weite, Tiefe, die vielen verschiedenen Schichten und all die Farben, die sich noch dazu mit der Sonne und den Schatten permanent ändern. Unglaublich. So laufe ich eine ganze Weile einfach hin und her, beobachte den Canyon, die Besucher (oh, was für fantastische Menschenstudien man hier so betreiben kann...!) und die riesigen Raben, die hier unaufhörlich ihre Kreise ziehen. Der Sonnenuntergang ist natürlich auch hier ein Erlebnis und danach geht es nur noch ab ins Zelt.


Am nächsten Morgen schlafe ich mal so richtig aus (7 Uhr! hui...) und mache mich mit einem der Shuttlebusse auf ans westliche Ende des (von hier aus begehbaren) Parks. Wunderbar, um diese Zeit (sowohl von der Jahreszeit als auch von der Uhrzeit) ist kaum jemand unterwegs, man kann die Leute zählen. Von hier aus laufe ich fast die ganze Strecke (mehr als 10km) bis ins Zentrum zurück, am Anfang bin ich lange Zeit die einzige, die unterwegs ist. Herrlich. Der Canyon sieht von hier aus natürlich wieder ganz anders aus, und ich kann unterwegs unzählige Vögel, Eidechsen, Blumen usw beobachten und fotografieren. Und oh diese Bäume! Diese herrlich verschnorkelten, verwundenen Bäume. Ich hätte am liebsten jeden einzelnen von ihnen fotografiert... Danach ist es zwar erst früher Nachmittag, aber ich bin recht k.o. und mache mich nach erledigten Einkäufen auf dem Weg zum Zeltplatz, um Wäsche zu waschen und zu entspannen. Hier sind inzwischen Markus und Matthias angekommen, Vater und Sohn aus Hannover, auch mit den Rädern unterwegs – von Los Angeles nach New York! Und das in 7 Wochen! Die beiden machen locker 150km und mehr am Tag... O.o da komm ich mir dagegen vor wie ein Witz. Auch wenn ich sehr den Hut vor den beiden ziehe und das sehr ambitioniert finde bin ich doch froh, dass ich anders unterwegs bin. Das wäre mir einfach zu schnell (mal davon abgesehen, dass ich das gar nicht schaffen würde). Wer möchte, kann bei den beiden mal reinschauen wo sie grad jeweils so sind: facebook.com/goeastmm

So können Paul, Markus, Matthias und ich am Abend noch ein paar Geschichten austauschen. Am nächsten Morgen gesellt sich noch John hinzu, er ist 67 und wird am nächsten Tag für fast eine Woche allein (!) in den Canyon hinabgehen und am Colorado entlang wandern. Wunderbar, was für Leute man hier so kennenlernen kann. Auch seine Erlebnisse werde ich in der nächsten Zeit versuchen zu verfolgen. Dafür ist doch das Internet (und auch facebook, wenn richtig genutzt) wunderbar :-) Heute mache ich mich nun auf den Weg zum Desert View Zeltplatz, am östlichen Ende vom Park. Dieser liegt zwar nur wenig höher, aber auch heute werden es durch die herrlich auf- und abschwingenden Strassen wieder mehr als 600 Höhenmeter auf den gerade mal 40 Kilometern. Na ja, irgendwann wird sich das Training ja wohl hoffentlich bezahlt machen und ich gewöhn mich vielleicht dran ;-) Der Zeltplatz ist wunderbar (und hat glücklicherweise noch Platz, ist er doch im Verhältnis zum vorherigen winzig) und ich mache mich auf den Weg zum Aussichtspunkt. Schmunzeln muss ich, als ich hier innerhalb einer halben Stunde drei Mal Schweizerdeutsch vernehme und später noch zwei Dresdner Mädels an mir vorbeilaufen ;-) Zurück am Zeltplatz werde ich sowohl von einer älteren Dame zum Essen (was ich aber leider ablehnen muss, habe ich doch Esswaren gekauft die mir sonst schlecht werden) als auch von einer netten französischen Familie zum Bier (was ich dann auch annehme ;-) eingeladen. Zeit um mal wieder das Französisch auszugraben! Als ich von diesem zu meinem Zelt zurückkomme sehe ich, dass ich hinten schon wieder einen Platten habe... ich glaubs einfach nicht. Es wird zwar schon recht dunkel, aber ich mache mich trotzdem daran zu schauen, was lost ist. Dumm ist nur, dass ich trotz Wasserbad kein Loch finden kann... also wird die ganze Sache doch auf den Vormittag verschoben. Morgen soll es nach Cameron gehen, das einiges tiefer liegt und mir hoffentlich eine schöne Abfahrt bescheren wird. So lange die Bremsen mitmachen... ;-) Dort muss ich mir meine weitere Route überlegen, da ich im Kopf mal wieder anfange alles umzustellen...

 


(Anmerkung: ich bin inzwischen schon weiter, wollte den Artikel aber nun so reinstellen wie er ist denn sonst komm ich nicht mehr nach...)

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Kommentare: 6 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    anselm (Montag, 04 Mai 2015 07:42)

    hoi katrin
    schön, dass ich wiederum ein bisschen mit dir reisen konnte. das erlebnis des grand canyon ist einfach überwältigend, inmitten von so viel natur. das zeigen deine bilder wunderbar. herzlichen dank und gut vorankommen!
    ;~)anselm

  • #2

    Lothar (Montag, 04 Mai 2015 08:47)

    Hi Katrin,,

    genauso ging es mir auch als ich zum ersten mal am Canyonrand stand und in die riesige Schlucht hinunter geschaut habe. Ein großartiger Bericht von Dir !

    Weiterhin viele spannende Erlebnisse.

  • #3

    The Muppets (Montag, 04 Mai 2015 10:08)

    Allegra Katrin

    den live-Genuss werden wir nie haben, aber deine Berichte und Bilder sind überwältigend und lassen uns trotzdem teilhaben an diesem wunderbaren Erlebnis...:-)) !
    Wünschen dir weiterhin viel Glück und nette Bekanntschaften !

  • #4

    Kurt (Montag, 04 Mai 2015 13:09)

    Vielen Dank für Deine fantastischen Reiseberichte und Fotos.. Wir verfolgen Dein Abenteuer mit grossem Interesse und wünschen Dir weiterhin gute Fahrt, speziell auch wärmeres Wetter und Rückenwind.
    Liebe Grüsse, Christine und Kurt

  • #5

    Micha (Samstag, 09 Mai 2015 19:47)

    Mmm... Bronto-Burger! Danke dir, Katrin! Weiter so! :-)

  • #6

    Jan & Marita (Freitag, 15 Mai 2015 20:22)

    Schön, dass Du mit uns Geburtstag gefeiert hast.
    Dir weiterhin gute Fahrt mit viiiel Rückenwind.
    LG aus Escalante

Twenty years from now you will be more disappointed by the things you didn't do than by the ones you did do. So throw off the bowlines, sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.

-- Mark Twain