Halbzeit

" Adventure is a path. Real adventure - self-determined, self-motivated, often risky - forces you to have firsthand encounters with the world. The world the way it is, not the way you imagine it. Your body will collide with the earth and you will bear witness. In this way you will be compelled to grapple with the limitless kindness and bottomless cruelty of humankind - and perhaps realize that you yourself are capable of both. This will change you. Nothing will ever again be black-and-white. "

- Mark Jenkins

Anmerkung zu Kurts Kommentar zum letzten Eintrag:

 

Generell würde ich nicht sagen, dass ich mir die Strecke einfacher vorgestellt habe. Die Bedingungen besser erhofft sicher, ja. Rein vom Profil her – Gegend & Höhenunterschiede usw. - wusste ich was auf mich zukam, aber andere Faktoren wie zB Wetter und Strassenbeschaffenheit kann man vorher natürlich nicht wissen. Beim Wetter hofft man natürlich auf optimale Bedingungen, dass das aber über längere Zeit nicht so sein wird ist klar und dann muss man eben das Beste daraus machen. Die letzten 10 Tage zB hatte ich jetzt weitaus weniger Wind und komme einiges besser voran, das macht schon eine Menge aus.

Was noch hinzu kommt – ich war ja auch noch nie so lange (und erst recht nicht alleine) unterwegs, somit ist vieles Neuland...


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An meinem ersten Tag in Bryce macht mir mein Kopf einen Strich durch die Rechnung – ich starte zwar mit meiner Wanderausrüstung, eine Stunde später hat mich aber die Migräne fest im Griff und auch die Tabletten wollen nicht so richtig helfen. Ich fahre etwas mit dem Shuttlebus durch die Gegend und laufe wenigstens am Rand des Canyons (der ja eigentlich keiner ist, sondern ein „Amphitheater“) etwas herum, eine weitere Stunde später gebe ich aber auf und verbringe den Rest des Tages im Zelt. Die Ausblicke die ich geniessen konnte waren schonmal wunderbar, man kann es kaum beschreiben, all diese „Hoodoos“, die Felspyramiden in den unglaublichsten Formen, Grössen und Farben... man kann nur geniessen und staunen...

Da ich mich am nächsten Tag noch ziemlich schlapp von der Attacke fühle lass ich auch hier eine Wanderung in den Canyon besser sein, mit Beinen wie Gummi macht das auch keinen Sinn. Ich schliesse mich einer kostenlosen Fahrt mit einem Ranger zu den äussersten Aussichtspunkten im Park an (die sind immerhin fast 30km vom Eingang entfernt, und liegen auf knapp 2800m). Der Ranger erklärt viel, zum Park, Flora & Fauna. Auch er, wie schon viele Leute in den letzten Wochen meint, dass aufgrund des ungewohnt kühlen und nassen Wetters der letzten Zeit die Flora gut und gerne 2-3 Wochen hinterher ist... ich bin froh, dass wenigstens nun schönes Wetter ist – er erzählt, dass in den letzten drei Wochen hier mehr Schnee gefallen ist als den ganzen Winter über, und so schön es mit Schnee auch aussehen muss – meistens konnte man wohl keine paar Meter weit schauen...

 

Am nächsten Tag mache ich mich wieder auf den Weg, es geht nur ein paar Kilometer weiter in den „Red Canyon“. Allein die Fahrt ist schon unglaublich schön – zum einen gibt es einen ganz eigenen Veloweg und nachdem ich eine Weile Präriehunde beobachtet und mich köstlich über sie amüsiert habe geht es durch eine herrliche Schlucht, links und rechts von mir türmen sich grosse orangerote Hügel mit wiederum allen möglichen bizarren Felsformationen. Nachdem ich mich auf einem schön gelegenen Zeltplatz eingerichtet habe will ich es nun heute aber wissen und begebe mich nach einem kurzen Besuch im Infozentrum auf zwei Wanderungen. Ich komme aus dem Staunen kaum heraus und kann zudem die Menschen zählen die ich den ganzen Tag über zu Gesicht bekomme...

 

Am nächsten Morgen treffe ich auf zwei Velofahrer, auch sie – wie wohl die meisten in dieser Gegend - fahren von Küste zu Küste. Auch die beiden haben bereits so einiges an Wetter erlebt seit ihrem Start, und einer von ihnen meint „I'd rather climb hills than to have headwind“... Nicht lang danach sehe ich wieder einen Radfahrer auf mich zukommen – bis ich bemerke dass es eine Frau ist! Oh! Es ist Silvia – aufgewachsen in der Basler Region und zuletzt wohnhaft in Davos. Herrlich. Auch sie ist für 5 Monate hier, Start und Ziel San Francisco. Normalerweise ist sie mit ihrem Freund zusammen unterwegs, ihm hat es wohl aber bei der letzten grösseren Radreise durch Südamerika abgestellt und nun ist sie diesmal alleine auf Tour. Es gibt viel zu erzählen und wir stehen glaube ich fast eine Stunde da so am Strassenrand, müssen jedes Mal die Räder festhalten wenn die LKWs vorbeidonnern... sie erzählt mir von einer deutschen Bäckerei ein paar Ortschaften weiter, da bin ich ja mal gespannt!

Ich habe an diesem Tag jedenfalls definitiv die falsche Fahrtrichtung gewählt – der Wind bläst mal wieder extrem und zwischenzeitlich überlege ich, ob ich nicht einfach umdrehen soll... es wäre mal ein interessantes Experiment – sich einen Anfangspunkt in einem Land aussuchen und immer nur in die Richtung fahren, in der man Rückenwind hat – wo man wohl rauskommen würde? ;-)

Der Seitenstreifen ist immer wieder nicht existent, und viele Reisebusse fahren extrem eng an mir vorbei. An diesem Tag fahre ich ausserdem an so vielen toten Tieren vorbei dass mir fast schlecht wird. Selbst durch den Mund atmen hilft an diesem Tag nicht um dem Geruch zu entgehen...

Später an einem Campingplatz bin ich es leid gegen den Wind anzukämpfen, auch wenn ich eigentlich noch weiter fahren wollte. Als ich gerade mein Zelt aufbaue kommt eine junge Frau zu mir und stellt sich vor – Devyn, gerade mit dem College fertig und mit ihren Eltern auf einem Roadtrip – und meint, sie hätten mich vorher auf der Strasse überholt und mich nun hier gesehen und würden mich gerne später zu sich zum essen einladen...!!! Gesagt, getan. Unglaublich, wie nett die Menschen hier immer wieder sind. Ein Neffe der Familie hat sich wohl erst kürzlich auf seine erste Radtour begeben, und nach kurzer Zeit aber abgebrochen weil er sich völlig übernommen hatte, physisch wie psychisch. Seitdem sehen sie Radfahrer mit anderen Augen... nochmals vielen lieben Dank, Familie Hotho!! :-)

 

In der Nacht pfeift die ganze Zeit ein kalter Wind um das Zelt, und ich werde den ganzen Morgen nicht warm. Bereits seit Moab hatte ich immer wieder das Gefühl, eine unterschwellige Erkältung mit mir rumzuschleppen, und dies hat mir nun wohl den Rest gegeben – Halsweh, Nase läuft, Husten... Ich mache mich zwar trotzdem auf den Weg Richtung Zion Nationalpark, merke aber schon bald dass es keinen Sinn hat – ich statte der Bäckerei noch einen Besuch ab (himmlisch! endlich mal wieder richtiges Brot...) und begebe ich dann ins nächstgelegene Motel, nehme ein heisses Bad & verbringe den Rest des Tages im Bett.

Wahnsinnig viel besser geht es mir am nächsten Morgen zwar nicht, aber ich mache mich auf den Weg Richtung Zion. Der Ostteil des Parks ist wunderschön, und am Anfang hält sich der Verkehr auf der engen Strasse noch in Grenzen, so dass ich die Fahrt noch geniessen kann. Durch einen langen, dunklen Tunnel dürfen Velos nicht durchfahren & ich muss einen Transport organisieren. Normalerweise recht einfach, aber ich brauche trotz allem fast eine Stunde, bis ich ein passendes Fahrzeug mit Platz für mein Velo gefunden habe. Eine ältere Dame namens Karen, Mitglied eines lokalen Wandervereins, nimmt mich mit und setzt mich bei den zwei riesigen Zeltplätzen wieder ab. Die sind leider beide schon voll, obwohl es noch nicht mal 11 Uhr ist... Hiker/Biker-Plätze gibt es nicht, ich suche noch nach Leuten die ihren Platz vielleicht teilen würden, aber es ist so gut wie niemand anzutreffen, alles ist unterwegs. Ich fahre etwas frustriert aus dem Park heraus und gehe erst einmal etwas essen, finde ein tolles Thai-Restaurant und denke, schön scharf essen und die Erkältung rausschwitzen wär doch was... anschliessend habe ich Glück und finde auf einem Zeltplatz ausserhalb des Parks noch ein Plätzchen, jemand ist frühzeitig abgereist. Völlig überteuert, aber die Nachfrage ist ja anscheinend auch riesig... So kann ich wenigstens den „Scenic Drive“ absolvieren, der ist für Besuchsverkehr gesperrt, ausser für Velos und die Shuttlebusse. Ich fühle mich aber so müde, dass ich den Bus nehme, und schlafe auf der Hinfahrt auch tatsächlich ein... oh je.

Zion, genauso wie Bryce, muss wunderschön sein zum wandern – ein andermal...

 

Der nächste Tag fängt nicht viel besser an, mein Halsweh wird stärker und die Lymphknoten sind geschwollen, kein gutes Zeichen. Ich entscheide mich, nach Saint George anstatt nach Cedar City zu fahren, die Stadt ist näher und tiefer gelegen und somit einfacher erreichbar, und werde hier wohl etwas Pause machen und hoffentlich schnell wieder genesen.

Nach zwei Tagen in einem Motel geht es schon etwas besser, aber fit fürs Rad fühle ich mich noch nicht. Ich entscheide mich, für drei Tage ein Auto zu mieten – auf die Art kann ich noch etwas ausruhen und komme trotzdem vorwärts. Ausserdem kann ich so den etwas „uninteressanteren“ Teil der nun kommt – Nevada möge mir verzeihen – überspringen. Wenn man einmal den Gedanken ans Auto hat ist die Gefahr gleich gross, dass man „alles“ will, das merke ich sofort. Man denkt gleich oh, da kann ich ja noch dies und das und jenes anschauen, und die Sachen die ich vorher „verpasst“ habe noch dazu... ich gehe dem aus dem Weg und beschliesse, nur die Orte zu besuchen, die ich mit dem Rad auch vorgehabt hätte bzw die ich gern gesehen hätte, aber wahrscheinlich aufgrund ihrer Lage ausgelassen hätte. Von Saint George aus fahre ich nach Cedar City und von dort aus zum Cedar Breaks National Monument (schon die Fahrt dorthin ist ein Erlebnis! vom Auto aus aber leider keine Bilder zu machen...), wo ich eine kurze Wanderung mache. Auch hier, wie im Bryce Canyon, begeistern Hoodoos in vielen Farben und Formen. Der Park ist so hoch gelegen (über 3000m), dass man noch Schneereste sehen kann und auf dem Weg auch noch ein paar Mal durch den Schnee stapft. Ich finde auch ein paar fantastische Bristlecone Pines (zu dt Langlebige Kiefer – es gibt wohl Exemplare die mehr als 5000 Jahre alt sind!) – ich liebe diese Bäume und kann mich kaum sattsehen und stehe sicher mehr als eine halbe Stunde bewundernd vor einem Exemplar. Die Bilder bringen das leider nicht so rüber wie diese Bäume auf mich wirken... leider fiel links und rechts der Weg ab (ein paar Hundert Meter in die Tiefe), sodass jegliche fotografische Bewegungsfreudigkeit etwas eingeschränkt war ;-)

Anschliessend wollte ich eigentlich zum Great Basin Nationalpark fahren um mir die Lehman Caves (Tropfsteinhöhlen) anzuschauen, da man dort aber nur mit Führung hineinkommt rufe ich sicherheitshalber vorher an, und alle mir möglichen Termine sind bereits leider ausgebucht... also kommt auch dieser Park auf die „next time“-Liste =)

Somit geht es weiter zum Cathedral Gorge State Park in Nevada. Auch hier hat die Erosion unglaubliche Gesteinsformationen geschaffen, ich nehme zwei der Wanderwege unter die Beine (wobei ich mal wieder keinem Menschen begegne...) und beschliesse, hier auf dem Zeltplatz die Nacht zu verbringen.

 

Am nächsten Tag geht es nun quer durch Nevada. Da ich den Great Basin ausgelassen hatte (wo es ausser den Höhlen auch Bristlecone Pines zu bestaunen gibt) wollte ich nun eigentlich nach Ost-Kalifornien zum „Ancient Bristlecone Pine Forest“, aber da macht mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Dort ist das Wetter schlecht und auch am nächsten Tag soll es nur regnen. Also nochmals eine Planänderung, und ich fahre über den „Extraterrestrial Highway“ (in der Nähe befindet sich „Area 51“) zum Mono Lake. In Nevada gibt es schon unglaublich lange Strecken im „Nichts“. Die Strassen gehen zum Teil schnurgerade über zig Kilometer geradeaus. Dann, mitten in der Pampa, eine Ortschaft... man fragt sich, was für Menschen hier wohnen, egal in welche Richtung man fährt braucht man zum Teil Stunden bis man in der nächsten Stadt ist. Ich komme aber auch an einigen verlassenen Häusern und Siedlungen vorbei. Nachdenklich machen mich die vielen Seen, die eigentlich auf der Karte eingezeichnet sind - ich kann jedoch nicht bei einem einzigen Wasser entdecken... Es ist eigenartig, so zwischendrin im Auto zu fahren, man nimmt die Umgebung doch so ganz anders auf als vom Sattel. Ich freue mich nun wieder aufs Velo :-)

Angekommen am Mono Lake (ich bin in Kalifornien!) habe ich Glück und es ist noch trocken, sodass ich mir die Tufas in Ruhe anschauen kann. Ist zwar bei blauem Himmel schöner (siehe hier), klar, aber interessant sind die Gebilde ja trotzdem. Der Mono Lake ist ein Natronsee (alkalisch und salzhaltig) und hat keinen Abfluss. Sein Pegel war früher viel höher, durch eine Leitung die einen Teil von Los Angeles mit Wasser versorgt sank sein Wasserspiegel lange Zeit und gab diese Tufas, die unter Wasser entstehen, frei (zur Entstehung siehe hier).

 

Wie angesagt regnet es in Strömen am nächsten Tag, ich fahre in Richtung Lake Tahoe. Soweit ich die Landschaft unterwegs sehen kann ist sie sehr schön – es geht über grüne Hügel und Berge, durch Schluchten, vorbei an Flüssen und über Bergpässe. Am Lake Tahoe hängen die Wolken leider so tief, dass man rein gar nichts sehen kann, und ich fahre nach Carson City um das Auto wieder abzugeben. Ich würde gerne nochmals zum Lake Tahoe, fürchte aber etwas den Aufstieg, den ich ja nun vom Auto aus sehen konnte... über fast 20km geht es kontinuierlich & zum Teil recht steil bergauf, fast 1000 Höhenmeter sind auf diesem kurzen Stück zu überwinden. Ich bin lange am Grübeln bis ich schliesslich einen Bus ausfindig mache, der jeden Morgen von Carson City zum Lake Tahoe hinauf fährt und anscheinend auch Velos transportieren kann – ist einen Versuch wert! Also am nächsten Morgen auf zum Bus – unterwegs gibt es einen lauten Knall und ein Metallstück hat mitten auf einer Kreuzung meinen hinteren Reifen punktiert und ich bin ohne Luft... und habe noch gut 2 Kilometer zu laufen bis zur Bushaltestelle. Zum Glück bin ich so früh losgegangen und schaffe es schiebend gerade so rechtzeitig. Nach einiger Diskutiererei mit dem Busfahrer (wegen meinem vielen Gepäck und der Rad-Halterung, die sich vorne am Bus befindet und durch meine Taschenhalterungen am Rad nicht 100%ig festzumachen sind) sitze ich im und hängt das Rad draussen am Bus und los gehts. Es hält alles wir kommen sicher oben am See an :-) Hier wechsle ich erst einmal den Reifen und begebe mich nach diesem schweisstreibenden Start in den Tag ins nächste Café und geniesse ein ausgiebiges Frühstück. Anschliessend begebe ich mich frisch gestärkt auf den Weg zum Nordteil des Sees, an dem ich ein Hostel ausfindig gemacht hatte. Die Strasse ist eng und stark befahren und die Fahrt somit nicht wirklich ein Vergnügen. Ausserdem finde ich verschiedene „fotogene Stellen“, von denen ich vorher im Internet gelesen habe, nicht und das erste Mal, dass ich wirklich Zugang zum See und zum Strand hätte haben können, ist dies mit Eintritt zahlen verbunden, was ich ablehne. Nicht für ein paar Fotos... also erstmal weiter zum Hostel. Dieses ist gleich auf Anhieb sympathisch – alles ist sehr herzig gemacht, die Zimmer schön und der Gemeinschaftsraum plus Küche einfach toll eingerichtet und sehr gemütlich. Jemand hat hier mit viel Liebe zum Detail und einem Händchen für Dekoration gewirkt, auch im Garten und ums Haus herum. Meine Zimmergenossinnen sind Sharon aus San Francisco und Michelle, ebenfalls aus Kalifornien, die sich gerade auf ein Teilstück des PCT (Pacific Crest Trail – ein Fern-Wanderweg von Mexiko nach Kanada auf über 4000km) vorbereitet. Es ist so schön in dem Hostel und mit den beiden, dass ich mich entscheide noch eine Nacht länger zu bleiben... :-)

 

Der Start am nächsten Tag ist hart, es geht wieder mal mehrere Kilometer relativ steil bergauf, aber zumindest habe ich nun wieder einen Seitenstreifen. Den Grossteil des Tages fahre ich auf dem „lauten“ Asphalt, und bei dem grossen Verkehrsaufkommen habe ich mit der Zeit Mühe mit dem Lärm. Genau an der County-Grenze ändert der Belag jedoch, und von da an ist es einiges angenehmer. Die nächsten Tage komme ich sehr gut voran, ich geniesse die grösstenteils sehr guten (und zur Abwechslung mal flachen) Strassen, den zwischenzeitlich sehr geringen Verkehr und die „ruhige“ Landschaft. Die – im Vergleich zu den letzten Wochen – unspektakuläre Gegend tut zwischendrin sehr gut. Ich muss mich nur erst noch an die Hitze gewöhnen, es sind immer so um die 30 Grad, aber zum Glück ist es eine trockene Hitze und nachts wird es nach wie vor angenehm kühl. Hier merke ich nun doch deutlich dass meine Kondition inzwischen einiges besser geworden ist, fahre ich an vielen Tagen doch nun 80, 90 Kilometer, auch wenn es mal bergauf geht. Ich habe hier auch bisher viel weniger Wind, selbst wenn er weht ist er nichts im Vergleich zu Utah in den Wochen vorher.

 

Kleine unerwartete Kostbarkeiten findet man oft an Orten wo man sie nicht erwartet - an einem Tag habe ich nach mehr als 90km genug, und halte in einem kleinen Ort (Doyle, CA) um etwas zu trinken zu kaufen und nach einem Campground zu fragen. Zu einem (der nicht ausgeschildert war) müsste ich zurückfahren und der nächste ist nochmals 35km entfernt. Die nette Dame meint, dass sie aber Zimmer hat, ob ich sie nicht mal anschauen wolle – was ich auch tue. Was für eine Entdeckung! Das Haus ist nicht nur ein kleiner Laden sondern auch ein Hotel, mehr als 100 Jahre alt und vieles noch im Original erhalten. Sie und ihr Mann haben das Haus vor etwas mehr als einem Jahr übernommen und sind nun unermüdlich daran, alles herzurichten und mit viel Liebe zum Detail zu renovieren, ohne dabei den alten Charme zu verlieren. Die Zimmer sind klein & gemütlich und haben alle einen ganz eigenen Stil, es gibt einen Gemeinschaftsraum und eine Küche, ein Piano und einen Schachspiel-Tisch im Vorraum, plus viel Fürsorge von den Besitzern und ihren Hunden :-)

 

Nach Susanville fahre ich das erste Mal ein kleines Stück auf einem „Rails-to-Trails“ Weg, dem "Bizz Johnson Trail". Das sind Wander&Radwege entlang ehemaliger Bahnstrecken, gesperrt für Autos, oftmals über Brücken und durch Tunnels durch die früher Züge gefahren sind. Inzwischen gibt es wohl einige solcher Strecken in den USA. Diese Strecke hier ist sehr schön, durch eine Schlucht, entlang eines Flusses und durch viel Wald geht es voran. Jede Menge Hörnchen, Vögel und Rehe sind ebenfalls unterwegs... Den Rest des Tages geht es durch unendlich viel Wald, bis ich an einem Aussichtspunkt ankomme, von dem aus man über ein grosses Tal sehen kann. Ich habe ein langes Gespräch mit einem Biologen über die Landschaft und die Waldbrände, die die Gegend in den letzten Jahren immer wieder heimgesucht haben.

Ganz in der Nähe befindet sich ein Punkt für PCT-Hiker, an dem ich auch übernachten werde. Ich geniesse den Sonnenuntergang und die Stille des Waldes, ausser mir ist niemand hier. In der Nacht höre ich zwei Mal Helikopter und frage mich, ob diese wegen eventuellen Waldbränden patroullieren... um 2 Uhr muss ich mal das Zelt verlassen, was in einem Schreckmoment endet, da ich vom Aussichtspunkt her ein Licht auf mich zukommen sehe... ich verschwinde wieder im Zelt und beobachte, bis ich merke, dass es anscheinend ein Hiker ist... wieso läuft jemand nachts um 2 durch die Gegend? Früh losziehen um der Hitze zu entgehen kann ich verstehen, aber nachts um 2?!

 

Am nächsten Morgen geht es zu JJs Cafe nach Old Station, mehrere Leute haben mir erzählt dass man hier wunderbar essen kann, und so ist es auch. Ein schöner Weg den Tag zu starten, auch wenn ich hinterher recht vollgefuttert bin und bis zum Abend nichts mehr brauche... der Rest der Fahrt ist etwas deprimierend, da es an vielen Gebieten vorbeigeht, wo noch viele Waldbrände offensichtlich sind. Später erfahre ich dass der letzte grosse Brand im August vorigen Jahres war. Einmal fahre ich an einem komplett ausgebrannten Haus vorbei, man sieht noch verschiedene verbrannte Geräte sowie zwei ausgebrannte Autos herumstehen. Man kann sich das kaum vorstellen, ganze Hänge und Wälder und Häuser, alles weg. In Südkalifornien sieht man das wohl leider überall immer wieder... im McArthur-Burney Falls State Park (hier bin ich übrigens das erste Mal seit Wochen wieder unter 1000m Höhe) treffe ich auf Axel & Frauke, ein Ehepaar Anfang 50 aus Berlin, sie machen beide den PCT und sind genau an dem Tag losgelaufen an dem ich losgefahren bin... auch sie sind gut 5 Monate hier und wir haben viel zu erzählen über ein paar Bierchen... der Zeltplatz hat Hiker/Biker-Plätze, es sind noch ein paar weitere Wanderer sowie drei junge Leute aus Alaska hier, die auch auf einer Bike-Tour sind. Wir unterhalten uns auch eine Weile und kommen irgendwie auf Langlauf zu sprechen – und werde prompt gefragt, ob ich Dario Cologna kenne. Ich bin begeistert dass sie ihn überhaupt kennen und sie können es kaum glauben, dass er aus „meiner“ Ecke kommt und da immer mal zum trainieren ist... :-)

 

Die nächsten zwei Tage werden recht anstrengend – den ersten Tag geht es viel bergauf, ich fahre viel durch Wald auf Forststrassen, die in allen möglichen Zuständen sind. Von 160km habe ich am Ende fast 100km auf Schotterwegen. Manche sind recht gut fahrbar, aber andere sind sehr mühsam bis (für mich) gar nicht fahrbar, entweder zu sandig oder mit zu viel Schotter... zwischendrin muss ich immer wieder schieben. Ich sehe die ganze Zeit keinen Mensch... Ziemlich spät komme ich an einem Zeltplatz an, der aber wohl schon vor einiger Zeit aufgegeben wurde, es gibt zwar noch Picknicktische, aber kein Wasser (zum Glück hatte ich den ganzen Tag gespart für diesen Fall) und die Toilettenhäuschen sind auch nicht zu benutzen. Kaum bin ich angekommen stürzen sich zig Mücken auf mich (keine Ahnung wo die herkommen, es ist weit und breit kein Wasser da...) und ich baue in aller Hast mein Zelt auf, verschiebe das Kochen auf den nächsten Morgen und begebe mich in meinen Schlafsack.

So nachts alleine im Wald mag romantisch klingen, aber da bin ich vielleicht noch nicht abgehärtet genug, ich höre allerlei Tiere um mein Zelt herumstromern in der Nacht und kann lang nicht alle Geräusche zuordnen. Da es eine so gut wie mondlose Nacht ist kann man auch absolut nichts erkennen. Das einzig auf mich beruhigend wirkende ist ein Eule, die irgendwann ganz in der Nähe ruft und von irgendwo aus der Ferne immer Antwort bekommt.

 

Sobald es hell wird mache ich mich auf den Weg und bin froh, als ich am Mittag wieder auf eine Ortschaft treffe, die unerwarteterweise sogar einen kleinen Laden hat – die Hände voller Getränke und Eis geht es mir schon bald wieder besser. Erst am Abend macht sich dann ein Muskelkater im ganzen Oberkörper bemerkbar, der wohl von dem angespannten offroad-fahren stammt. Ich entscheide mich, in der übernächsten Stadt, Klamath Falls, meine erste Stadt in Oregon, zwei Tage Pause zu machen, da ich mir auch erstmal darüber klar werden muss, was ich in Oregon überhaupt alles anschauen mag und welche Strecke ich fahren will. Durch die Autofahrt dazwischen habe ich auf jeden Fall genug Zeit hier. Leider ist eine - wohl für die Zeit ungewöhnliche - Hitzewelle im Anmarsch (in manchen Orten hier bis 40 Grad) – ja nun, in Utah war es ungewöhnlich kühl, nun wird es ungewöhnlich heiss... im Mittel ist es also ganz angenehm ;-) Ich bin jedenfalls gespannt auf Oregon – viele sagten mir, es sei ein guter Staat zum Velofahren und laut den ersten Broschüren die ich bekommen habe gibt es genug zu sehen...

 


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Thema Essen:

 

He, Micha, ich musste ja noch schmunzeln, denn ich habe beim letzten Eintrag noch überlegt ob ich hinzuschreibe dass wenn jemand Fragen - wie zum Thema Essen - hat, soll er sie ruhig stellen... :-)

 


Also - das Thema Essen ist nicht so einfach. Dass keine kulinarischen Höhepunkte zu erwarten waren war mir jedoch klar. Zum Frühstück gibt es bei mir meistens Oatmeal (Haferbrei), den gibt es hier in praktischen Portionspäckchen und in verschiedenen Geschmacksrichtungen, einfach heisses Wasser dazu und fertig. meistens noch ein paar getrocknete Früchte mit rein und man ist gestärkt für den Tag :-) Wenn ich irgendwo (zumindest als die Nächte noch kühl waren) kleine Flaschen Milch finde kaufe ich auch mal Müsli. In der deutschen Bäckerei nahm ich ein grosses Brot mit, dazu dann ein Glas Nutella gekauft und genossen ;-) Wenn es ein Cafe mit Frühstück in der Nähe gibt (was selten der Fall ist da ich auf den Zeltplätzen oft nicht grad in der Nähe von Ortschaften bin) dann ist das auch toll, meistens gibt es dann Omelett oder Rührei (manchmal plus Speck) mit Pancakes - herrliches Radler-Frühstück =) 

Unterwegs gibt es viel Riegel, vor allem Energieriegel und Müsliriegel, die gibt es hier zum Glück in vielen Varianten so dass sie mir noch nicht über sind, und viele schmecken erstaunlich gut. Wenn es nicht so warm ist oder man es grad kaufen & verzehren kann sind auch so Sachen wie Snickers zB immer gut zwischendrin. So oft als möglich kaufe ich Obst für Zwischendurch, vor allem Bananen, Orangen, Grapefruits und Beeren. Zuckerschoten hab ich auch gern für unterwegs. Falls ich durch eine Stadt komme kann es auch mal ein Sandwich oder ein Burger sein.

Gewisse DInge - alles was gekühlt werden muss - kann man eben nur kaufen wenn man es direkt verzehren kann. In Supermärkten hole ich mir dann immer wieder auch Joghurt u.ä. 

Am Abend gibt es oft Mahlzeiten, wo ich oft nur Wasser hinzufügen muss, wobei ich nicht die gefriergetrockneten Outdooressen meine (wobei ich ab und an so eins auch für Notfälle kaufe wenn vorhanden, aber für jeden Tag wären die zu teuer). Es gibt viele Nudel-, Reis-, Kartoffelbrei-Mahlzeiten im Supermarkt die entweder nur heisses Wasser benötigen oder nur ein paar Minuten kochen müssen. Nudeln habe ich auch immer im Gepäck, nur mit den Saucen ist es schwierig, da es die oft nur in rieisgen Gläsern gibt. Wenn ich kleine Gläser finde kaufe ich eines, oder zB Ketchup oder Bohnen. Dazu (entweder frisch oder auch mal mitgekocht) dann oft Paprika oder eine Möhre, immer je nachdem was es so gibt. Über lange Strecken hatte ich immer nur Essen von kleinen Tankstellen unterwegs, da ist die Auswahl eben sehr eingeschränkt. Das richtige "hausgemachte" Essen ist das, was ich auch am meisten vermisse. Bzw nicht immer das essen zu können, was man mag, mit Salat ist es zB schwierig, und in vielen Regionen gab es auch tagelang nichts frisches, weder Obst noch Gemüse. Da hab ich mich schon gefragt, wie die Leute sich da ernähren...

Der Kocher den ich habe funktioniert jedenfalls wunderbar und ist für eine Einzelperson auch ausreichend finde ich. Er funktioniert auch bei viel Wind und ein knapper Liter Wasser ist in 1.5-2 Minuten kochend, das ist super. Zum Trinken gibt es viel Wasser, aber gerade tagsüber wenn es heiss ist habe ich nach einer gewissen Zeit immer das warme Wasser satt und brauche Saft oder Softdrinks dazu. Generell sollte man - gerade wenn man viel schwitzt - auch Getränke zu sich nehmen die zusätzlich Elektrolyte usw enthalten, aber die findet man hier ja auch überall. Abends und morgens gibt es meistens noch Tee oder Kaffee. Und in letzter Zeit tagsüber jede Menge Eis, die haben hier herrliches "Wassereis" (im Gegensatz zu Sahneeis) überall.... =)

 

Beantwortet das so in etwa deine Frage? :-)

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Kommentare: 8 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Lothar (Dienstag, 23 Juni 2015 09:25)

    Hallo Katrin, vielen Dank für diesen tollen Bericht. Ich finde er hört sich (was Deine Stimmung angeht) bisher am besten von allen an. Auch wenn Du ein paar Tage krank warst, scheinst Du doch wieder frisch und fit zu sein. Die Idee mit Auto finde ich genial. Alleine schon aus dem Grund um den Unterschied zwischen Auto und Rad zu "erfahren". Freut mich sehr, dass Du so viele nette und interessante Begegnungen hattest. Super interessant finde ich auch den Abschnitt zum Essen. Ich fiebere weiterhin auf Deiner Tour mit und bin gespannt was noch so alles auf Dich zu kommt.
    Besten Dank und viele Grüße
    Lothar

  • #2

    The Muppets (Dienstag, 23 Juni 2015 13:25)

    Liebe Katrin, es wird nie langweilig, deine ausführlichen Berichte zu lesen und die vielen ausgezeichneten Fotos anzuschauen! So kommt das Gefühl auf, dich ein "kleines Stück" begleitet zu haben. Wir wünschen dir einen guten Start in die 2. Halbzeit und weiterhin so wunderbare "Erfahrungen" mit Mensch und Tier. Gib Sorg zu dir - und bleib vor allem gesund!

  • #3

    Kurt (Mittwoch, 24 Juni 2015 10:30)

    Liebe Katrin
    Ich kann dir zu dem, was du da im Osten der USA machst. nur gratulieren. Das ist in jeder Beziehung eine grossartige Leistung, deine Berichte und Fotos sind ein einziger Genuss. Ich wünsche dir, dass dir auch die zweite 'Halbzeit' gelingen möge. Eines ist jetzt schon sicher: 'wer eine Reise tut, hat viel zu erzählen'. Der Stoff wird dir nicht so schnell ausgehen. Ich wünsche dir weiterhin eine gute und unfallfreie Fahrt.
    Liebe Grüsse, Kurt

  • #4

    Micha (Donnerstag, 02 Juli 2015 18:25)

    Liebe Katrin,

    vielen Dank, dass du die Kommentare hier nicht nur liest, sondern auch so ausführlich auf meine Frage eingegangen bist! Klar hast du sie beantwortet - so gut und schön, wie ich das ja glücklicherweise von dir gewöhnt bin! <3
    Ich wünsche dir auch weiterhin, dass du immer genügend gute Nahrung in den Bauch bekommst, denn du bist, was du isst! :-)

    Ich muss zugeben, dass ich den Westen der USA ehrlich gesagt bisher nicht sooo interessant gefunden habe. Aber dein Reisebericht und deine Fotos begeistern mich immer mehr! :-)
    Ich freue mich sehr, dass deine Reise so interessant und trotz aller Beschwernis insgesamt gut weitergeht!

    Apropos Fotos: Mit dem letzten Bild hast du dir bestimmt eine ganz neue Fan-Gemeinde eröffnet! ;-)

    Alles Liebe,

    Micha

  • #5

    Susann (Samstag, 04 Juli 2015 20:43)

    Toll Deine Berichte zu lesen liebe Katrin .....
    Der Wind scheint der stehte Begleiter zu sein . Hoffe es geht Dir gut und Du pedalst weiter.... Bin in Gedanken viel bei Dir Susann

  • #6

    Eliza (Dienstag, 07 Juli 2015 15:36)

    Meine liebe Katrin,
    ich grüße Dich und sage einfach nur: CHAPEAU. Deine Courage ist bewundernswert, aber ohne hättest Du diese tollen Erlebnisse nicht. Du musst unbedingt einen Verlag finden, der Deine Berichte und fantastischen Bilder veröffentlicht. Weiterhin alles Gute, pass gut
    auf Dich auf! Ich denke an Dich und wünsche Dir noch viele schöne Erlebnisse und nette
    Begegnungen. Liebe Grüße Eliza

  • #7

    mark (Mittwoch, 08 Juli 2015 13:00)

    hi kat from south florida. exciting to see how far youve gone since two guns arizona. your pictures are amazing and subject matter so interesting.....was wondering if you had time to hike angels landing at zion? am hoping to get out west with my wife sometime in august, will you still be out there at that time? would love for her to meet you. she would never in a million years do what you're doing............well, usually it is pretty quiet in my office from 6am until 6:45, but everybody is in my space so i will close for now. as far as i know, andy, charlie and josie wells are all well. my new grand daughter is growing more beautiful each day. take care little buddy, will talk soon. mark

  • #8

    Bertli (Sonntag, 19 Juli 2015 23:25)

    Liebe Katrin
    Eindrücklich! Ich bin fasziniert, was Du uns allen weitergibst! Ich wusste, dass Du einen grossen Durchhaltewillen hast und trotzdem staune ich über Deine Ausdauer, auch wenn es mal nicht so gut läuft. Jedenfalls ist so eine Reise ein bleibendes Erlebnis fürs ganze Leben und prägt den Charakter. Mach weiter so und vor allem: bleib gesund!
    Bei mir haben sich seit dem Frühling einige Sachen zugetragen, vor allem gesundheitlich. Doch davon, wenn Du wieder zu Hause bist.
    An grossa Bütsch us da Berga
    Bertli

Twenty years from now you will be more disappointed by the things you didn't do than by the ones you did do. So throw off the bowlines, sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.

-- Mark Twain