Oregon

" It is by riding a bicycle that you learn the contours of a country best, since you have to sweat up the hills and coast down them. Thus you remember them as they actually are, while in a motor car only a high hill impresses you, and you have no such accurate remembrance of country you have driven through as you gain by riding a bicycle. " - Ernest Hemingway

KARTE WIRD NACHGEREICHT

((Ich möchte mich im Vorfeld schon wieder für den langen Text entschuldigen – es ist in der Zwischenzeit viel passiert und der letzte Eintrag ist eine Weile her. Ich hatte vielfach nur sporadisch Internet & zudem oft schlechte Verbindungen, und manchmal kommen die Dinge einfach anders als man denkt...))



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Manchmal ist es schon eigenartig – man fährt über eine Grenze, die eigentlich keine ist und befindet sich schlagartig in einer anderen Welt. Der Übergang von Kalifornien zu Oregon ist so ein Fall. War vorher alles trocken und die ganze Landschaft braun-gelb eingefärbt, ist die Strasse nun plötzlich links und rechts von Wasser umgeben und ich kann auf meiner Fahrt Hunderte von Wasservögeln beobachten – wenn auch immer nur aus der Ferne, da sie anscheinend Radfahrer nicht gewohnt sind. Die Autos machen ihnen nichts, aber sobald ich mich nähere – und zum Teil immer noch 100 Meter entfernt bin – ergreift alles die Flucht. Ich sehe Hunderte von Pelikanen, Reihern, Gänsen usw davonfliegen, ist ja auch ein schöner Anblick... ein paar Kilometer weiter gibt es ein „Oregon Welcome Center“, das ich erst einmal ansteuere, da ich noch absolut keine Ahnung habe, was ich mir in Oregon eigentlich so anschauen will. Eine nette Dame drückt mir direkt etliche Broschüren speziell für Radfahrer in die Hand, genug Lektüre für den Anfang. Wie ich weiterfahren will hält mich eine Dame an, die auch in dem Informationszentrum war – sie wäre die „Georgia aus Georgia“, wie sie mehrfach jeweils mit einem Kichern sagt, und sie hätte drinnen mitbekommen was ich da so mache und wäre ganz hin und weg. Sie scheint genügend Leute zu kennen in Oregon und gibt mir kurzerhand von zwei ihrer Neffen (beide Sheriffs) die Handynummern, für eventuelle Notfälle... da bin ich ja schon mal bestens versorgt.

In Klamath Falls, welches übrigens noch ein ganz hübsches „Altstadt“viertel hat (mir kommt es komisch vor von Altstadt zu reden in einer Gegend in der kaum etwas älter als 140 Jahre ist, wenn überhaupt), mache ich zwei Tage Pause und beginne mit der Planung.

Das Einzige was ich vorher von Oregon wusste & sehen wollte - und zuerst ansteuern werde - ist der Crater Lake. Die Küste würde ich auch gerne sehen, und wie ich dem Infomaterial entnehmen kann gibt es im Zentrum und Osten des Staates ein paar schöne sogenannte "Scenic Bikeways", speziell ausgewiesene Strecken für Radfahrer. Nicht, dass es dort unbedingt eigene Radwege gibt, nein, aber im Allgemeinen gibt es auf diesen Strecken wenig Verkehr und viel zu sehen, und zum Teil wurden einzelne Unternehmen entlang der Strecken speziell ausgewiesen, um Radfahrer unterwegs zu versorgen. Drei dieser Strecken im Osten sind mir sehr sympathisch, und ich hoffe, zumindest einen Teil davon fahren zu können, auch wenn ich noch nicht weiss, wie ich Küste und Landesinnere so verbinden soll, dass es logistisch Sinn macht. Ein „Problem“ hierbei ist, dass in jedem Radführer steht, man solle die Küste im Sommer nur von Nord nach Süd abfahren, da zum einen der Wind normalerweise immer aus Nordost kommt, und zum anderen die Küstenstrasse (die berühmte „101“) in manchen Teilen Oregons recht eng ist (aber stark befahren ist) und daher nur einen Seitenstreifen besitzt, und dieser dann praktisch immer auf der Nord-Süd-Achse zu finden ist.


Es geht weiter in Richtung Crater Lake. Ich habe das Gefühl, dass es jeden Tag wärmer und wärmer wird, obwohl ich an Höhe gewinne und es immer wieder viele schattige Abschnitte gibt. Wie ich nun unterwegs mitbekomme, ist anscheinend eine Hitzewelle für den ganzen Nordwesten im Anmarsch, und zwar eine von der Sorte, die sämtliche Rekorde in der Region brechen soll, nicht nur was die Temperaturen für Ende Juni angeht, sondern auch die Dauer. Ich weiss noch nicht so, was das für mich bedeuten wird und hoffe, dass ich die nächsten Tage überstehen werde und es vielleicht nicht so schlimm ist wie gedacht.

Der erste Abschnitt Richtung Crater Lake ist recht anstrengend. Es geht zwar noch eine Weile flach weiter, aber links befindet sich ein See und rechts ein Berg, und an manchen engen Stellen verschwindet plötzlich der Seitenstreifen einfach so, was bei 80% Lkw-Verkehr mehr als einmal zu Gänsehaut und kalten Schauern führt. Sobald wie möglich verlasse ich den Highway, von da an geht es auf kaum befahrenen Strassen weiter, herrlich. Ich fahre an vielen Seen, Flüssen und Sümpfen vorbei. Ich wünschte nur, die Vögel würden nicht immer alle die Flucht ergreifen... Da es am Mittag schon recht heiss ist mache ich Halt an einem Zeltplatz und lasse mir den Aufstieg zum Crater Lake für den nächsten Morgen. Ich verbringe den Nachmittag an einem kühlen Bach und beobachte stundenlang Präriehunde auf der Wiese, auf der ich mein Zelt aufgestellt habe.

Ich starte zeitig am nächsten Morgen, und trotzdem habe ich das Gefühl, dass es schon viel zu warm ist. Der Aufstieg zum Zeltplatz am Crater Lake geht gut, aber ich bin klatschnass als ich dort ankomme und brauch erst einmal eine Pause. Dass es so warm sein würde, obwohl ich nun schon fast wieder auf 2000m bin, hätte ich nicht gedacht. Zur Kante, von der aus man den See sehen kann, geht es noch einmal kräftig nach oben. Ich bin nicht sicher, ob ich den Aufstieg und die Weiterfahrt am nächsten Morgen machen soll (was aber Gegenlicht am See bedeutet), oder ob ich am Nachmittag ohne Gepäck hochfahren soll... ich baue erst einmal das Zelt auf und esse etwas, und danach statte ich noch dem Souvenirladen einen Besuch ab. Wie ich dort herauskomme höre ich, wie jemand meinen Namen ruft – was ich im ersten Moment gar nicht so richtig realisiere, da man damit ja überhaupt nicht rechnet.

Ich drehe mich um und schaue herum, als plötzlich Frauke (von dem Berliner Paar, welches ich eine Woche vorher kennengelernt habe) auf mich zugerannt kommt! Was für ein Zufall. Die beiden haben auch von der Hitzewelle gehört und sich entschieden, den Pacific Crest Trail vorerst ruhen zu lassen (bei zum Teil 40 Grad ohne Schatten und zum Teil zwei Tage ohne Wasserversorgung überaus verständlich) und haben ein Auto gemietet. Gerade auf dem Weg zum Crater Lake sahen sie mich aus dem Souvenirladen herauskommen... eine Sache von Sekunden. Sie erzählen mir, dass sie anschliessend Richtung Meer fahren wollen – und ihr Angebot doch mitzukommen nehme ich dankend an. Ich freue mich sehr über die Gesellschaft und mein logistisches Problem, mehrfach kreuz und quer durch Oregon zu fahren „nur“ um die Küste von Nord nach Süd abklappern zu können ist somit auch gelöst.

Nachdem ich mein Zelt wieder abgebaut habe besuchen wir zuerst den Crater Lake – bei einem solchen Wetter ein unglaublicher Anblick. Kaum vorstellbar, mit welcher Wucht hier einmal die elementaren Kräfte gewirkt haben, um ein solches Loch zu fabrizieren. Das Wasser ist tiefblau und mit dem blauen Himmel und den Spiegelungen wirkt das Ganze wie ein Gemälde. Trotz der momentanen Hitze treffen wir am Strassenrand auf die letzten Schneereste, viele Kinder spielen begeistert darin.

Anschliessend begeben wir uns Richtung Meer, übernachten in Roseburg in einem historischen viktorianischen Bed&Breakfast, das im Inneren so kitschig ist dass es schon wieder gut aussieht. Bei einem absolut fantastischen Mexikaner gibt es dann noch Z'nacht und wir erzählen und erzählen...


Am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Pazifik. Der Plan ist, bis Astoria zu fahren, wo ich dann die Reise mit dem Rad in umgekehrter Richtung fortsetzen werde und die beiden denken darüber nach, Richtung Portland zu fahren um dort eventuell eine mehrtägige Kajaktour zu beginnen.

Als erstes steuern wir die „Oregon Sand Dunes“ an, eine kilometerlange Dünenlanschaft. Wir haben zwar etwas Pech mit dem Wetter und können das Meer kaum sehen da der Nebel einfach nicht weichen will, aber auch diese Stimmung hat etwas für sich und wir laufen einige Zeit durch die Dünen und am Strand entlang. Zum Mittag gibt es frische Shrimps und Muscheln (meine ersten!) in Florence am Hafen. Axel & Frauke hätten eigentlich gerne die gesamte Küste abgewandert, hatten aber nach einem Kalifornien-Besuch das Gefühl, dass dies unmöglich sei, da es dort jede Menge Privatstrände gibt und diese Abschnitte unpassierbar sind. Ich wusste aber aus einer Broschüre, dass in Oregon alle Strände in öffentlicher Hand sind und nach etwas Recherche finden wir heraus, dass es tatsächlich einen „Oregon Coast Trail“ gibt – somit entschliessen wir uns zu einer Planänderung, verlassen die Küste wieder und fahren nach Portland. Somit können sie beide die Küste entlangwandern und ich radeln, ohne dass wir vorher zu viel davon gesehen haben. Wir verbringen noch einen gemeinsamen Abend in Portland, und am nächsten Tag setzen sie mich ausserhalb der Stadt ab und ich beginne meine Tour in Richtung Küste.


Gleich am ersten Abend übernachte ich in einer interessanten Unterkunft, dem „Bike Inn“ in CLatskanie, eine Privatunterkunft nur für Tourenradler. Man bekommt für wenig Geld praktisch eine gesamte Wohnung, inklusive Waschmaschine & Werkzeug fürs Velo. Nach einem Pausentag geht es Richtung Astoria, der ältesten Siedlung westlich der Rocky Mountains, wo der Columbia River in den Pazifik mündet (für Filmfans – in Astoria wurden u.a. Teile von den „Goonies“ und von „Into the Wild“ gedreht). Kilometerlang kann ich entlang des Flusses und später des Hafens entlangradeln. An den Docks gibt es urige Cafés und Museen zu den früheren Konservenfabriken. Ich übernachte in einem herzigen Hostel in einem historischen Gebäude und geniesse ein fantastisches Essen in einem Fischrestaurant.

In den kommenden Tagen radle ich entlang der Küste, ich nehme mir Zeit und fahre jeweils nur kurze Strecken, geniesse die Landschaft und gehe viel spazieren, an einigen Orten übernachte ich gleich zwei Nächte. Ich möchte nicht allzu weit südlich fahren aber doch genug Zeit hier verbringen, um die Hitzewelle im Landesinneren abzuwarten. Diese ist nun auch in vollem Gange und ich bin wirklich froh, an der Küste zu sein, hier ist es sonnig und trotzdem angenehm kühl. Die Hitzewelle hält für fast zwei Wochen an und bricht im ganzen Nordwesten (von Oregon bis Seattle und den Rocky Mountains) sämtliche Rekorde für die Jahreszeit. In vielen Orten ist es die ganze Zeit über 15 Grad Celsius wärmer als normalerweise, d.h. in manchen Orten ist es zB Ende Juni eigentlich so um die 25°C warm, nun aber klettert das Thermometer täglich auf 40°C... Schon interessant, in Utah war es wochenlang zu kühl und zu nass, nun ist es zu heiss und zu trocken – im Mittel stimmt es dann wohl also ungefähr ;-)


Ich geniesse die Tage an der Küste sehr, auch wenn ich nicht so ganz nachvollziehen kann, wieso ausgerechnet diese Strecke bei Tourenradlern so beliebt und berühmt geworden ist. Die Strassenbeläge und -zustände sind oft miserabel, die Strassen sind zudem oft sehr eng und der Verkehr horrend. Wenn ich dies nicht von den letzten Wochen so gewohnt wäre hätte ich hier einen ganz schönen Schreck bekommen. Ich nehme an, dass es mehr mit der Versorgungslage zu tun hat, da man sich selten Gedanken um Wasser & Essen machen muss da man täglich durch mehrere Ortschaften fährt. Auch um Übernachtungsmöglichkeiten muss man sich kaum kümmern, fast täglich hat man einen State Park mit günstigen Hiker-Biker-Plätzen auf der Strecke. Für mich der mit Abstand schönste Zeltplatz ist am Cape Lookout, mitten im Wald gelegen, und hinter dem Zelt sind nur ein paar Büsche und dann kommt direkt der Strand und das Meer. Die ganze Nacht nichts als das Meeresrauschen zu hören ist einfach wunderbar... Tagsüber laufe ich stundenlang am Strand entlang und geniesse vor allem, dass Zeit an solchen Tagen einfach mal überhaupt keine Rolle spielt. Bei Ebbe kann man an bestimmten Stellen die sogenannten „tide pools“ anschauen, Felsen und Wasserlöcher in denen zB Muscheln, Seesterne, Rankenfusskrebse und Anemonen auf die Rückkehr des Wassers warten.

Zu anderen Tourenradlern, von denen es hier genug hat, habe ich hier leider kaum Kontakt, die meisten scheinen mir eher nicht so kontaktfreudig, vielleicht sind auch einfach zu viele hier unterwegs...


Als dann absehbar ist, dass die Hitzewelle in Oregon so langsam nachlässt verabschiede ich mich von der Küste und begebe mich wieder Richtung Osten.

 

Der nächste Tag beginnt mit angenehm kühlen Wetter, da der Himmel von einer leichten Wolkendecke überzogen ist, sowie einer langen geraden Strecke sowie – oh ja – Rückenwind! Da so viel Glück auf einmal natürlich nur schwer auszuhalten ist gibt es bei Kilometer 22 erst einmal einen Platten. Nach einem Spurwechsel auf dem Highway bei einer Auffahrt höre ich ein verdächtiges regelmässig wiederkehrendes „Plong“ bei jeder Reifendrehung. Ich denke zuerst dass es einer der tausenden von Steinchen sein wird welche sich auf dem Seitenstreifen befinden, als es aber nach ein paar weiteren Metern nicht aufhört schaue ich nach und sehe einen ca. 4 Millimeter dicken und 6 oder 7 Zentimeter langen krummen Nagel quer im Radmantel stecken – wie ist es nur möglich, sich so etwas einzufangen? Als ich ihn rausziehe wird das natürlich mit einem langen „pffffffff“ begleitet und raus ist die Luft aus dem Schlauch. Zum Glück ist ein paar Meter weiter eine Art Ausbuchtung an der Fahrbahn und ich kann dort in Ruhe den Schlauch wechseln. Nach 20 Minuten (persönliche Bestzeit! Ich hätte trotzdem nichts dagegen wenn es der letzte Schlauchwechsel gewesen sein sollte...) ist alles wieder an Ort und Stelle. Ein anderer Radfahrer und ein älteres Ehepaar in einem Auto halten extra an um zu fragen ob alles in Ordnung sei, der ältere Herr reicht mir prompt noch ein paar Papiertücher zum Hände abwischen.

Nach dem Mittag zeigt sich dann die Sonne wieder und der Wind dreht auch auf Gegenwind, somit ist also alles wieder im Lot ;-) Die Strecke ist, bis auf den ziemlich heftigen Verkehr, recht hübsch, links und rechts von der Strasse erstrecken sich endlose Felder, Ähren und Heu und Nussbäume und Weinberge wechseln sich ab. Immer wieder fahre ich an Farmen & Weinanbauern vorbei, wo man entweder Früchte kaufen oder Wein verkosten kann. Die Gehöfte, soweit sichtbar, sind ausnahmslos schön hergerichtet und sind alle umsäumt von Bäumen, Sträuchern und Blumen. Ich hätte gerne ein paar Bilder gemacht, aber angesichts der ständig an mir vorbeidonnernden Trucks lasse ich es dann doch bleiben.

Die meisten Ortschaften hingegen sind nicht der Rede wert, bis auf Newberg, das einen kleinen aber feinen Ortskern mit vielen gut erhaltenen Backsteinbauten hat mit allerlei kleinen Läden, Blumenampeln und Freisitzen. Dass sich hier mittendurch der Highway mitsamt den Trucks durchquetscht ist schon heftig und geht sicher vielen Einheimischen hier ziemlich auf die Nerven.

Für etwas Abkühlung (es sind trotz allem um die 30 Grad, was natürlich besser ist als 42 ein paar Tage vorher, aber immer noch heiss genug für mich) zwischendurch sorgt Eis – ein Laden unterwegs hat eine meiner Lieblingssorten, von dem ich heute gleich zwei nacheinander verdrücke... es kommt von einer mexikanischen Firma und ist praktisch reiner gefrorener verdünnter Erdbeersaft (mit Fruchtstückchen drin)... mir ist unbegreiflich, dass so viele Läden hier ausschliesslich Sahneeis verkaufen, das macht doch bei solchen Wetter nur noch mehr Durst...

Im Champoeg (sprich: Schämpu-i) State Park bin ich auf der grossen Hiker/Biker-Site die einzige mitsamt ein paar Grauhörnchen, Kaninchen und einem Reh. Dies ist der erste H/B-Platz der Stromanschlüsse hat! Klasse. So kann ich ungehindert den ganzen Abend (elektronische) Bücher lesen :-)


Es folgt einer der Tage, auf die ich ohne Weiteres verzichten könnte – ein einziges Auf & Ab von Strassen, aber mit solch fiesen Steigungen dass man nach jeder einzelnen das Handtuch werfen möchte. Noch dazu gibt es keine „Belohnung“, d.h. man bekommt keine tolle Aussicht oder Sonstiges geboten wenn man die jeweiligen Steigungen erklommen hat. Dazu sehr viel Verkehr und „lauter“ Asphalt, sowie vollkommen langweilige Ortschaften. Dazu ist es erdrückend schwül, ich halte bei so gut wie jeder Tankstelle und kaufe kalte Getränke, bis mein Bauch aufgebläht ist wie eine Wassermelone.

Wenigstens der Zeltplatz im Milo McIver State Park ist sehr nett, auch hier gibt es wieder Hiker/Biker-Plätze, „brandnew!“ wie mir der Host drei Mal stolz versichert, auch hier mit Stromanschluss (solarbetrieben!) und sogar einer Luftpumpe sowie Werkzeug. Tolle Sache :-)


Am nächsten Morgen geht es als Erstes nach Estacada in der Hoffnung auf einen Kaffee und eventuell ein Frühstück. Ich finde eine nette kleine ganz neu gemachte blumenbestückte Nebenstrasse mit einigen Geschäften, als erstes komme ich hier mit dem ansässigen Coiffeur ins Gespräch und verquatsche gleich eine halbe Stunde mit ihm... er empfiehlt mir ein Café, dass auch einen sehr netten Eindruck macht. Die Besitzerin fragt mich auch direkt nach dem Woher&Wohin und ist von meiner Tour so begeistert, dass sie mich gleich dem ganzen Laden, in dem einige Einheimische sitzen, vorstellt, und mich kurzerhand auch gleich zwischen ihnen platziert. So verbringe ich eine weitere Stunde in netter Gesellschaft und mit gutem Essen – was will man mehr :-) Anschliessend begebe ich mich auf den „Cascading Rivers Scenic Bikeway“. Je höher sich die Strasse schraubt und je dichter der Wald wird umso dichter werden die Wolken jedoch an diesem Tag und es nieselt immer wieder. Von der schönen Landschaft sehe ich somit leider nicht allzuviel. Es gibt viele Zeltplätze neben der Strasse, und ich hoffe dass das Wetter eventuell hilft und somit nicht alles belegt ist, schliesslich ist Wochenende und es scheinen einige Leute unterwegs zu sein... Ich fahre bis Ripplebrook, dort hat es noch einmal einen kleinen Laden, und will dann am dazugehörigen Zeltplatz einen Platz finden, wie sich herausstellt ist dieser jedoch schon voll. Wie ich weiterfahren will fühlt sich mein Rad komisch an und ich entdecke, dass hinten wieder mal Luft entweicht... ich dummes Huhn hatte ganz vergessen, den hinteren Reifen nochmals genau anzuschauen, schliesslich hatte sich der grosse Nagel ja durch den ganzen Mantel gebohrt und dort ein nicht unerhebliches Loch hinterlassen. Durch dieses hat sich nun ein spitzes Steinchen gebohrt und den Schlauch angepiekst. Also wieder mal alles abmontieren und diesmal Schlauch & Reifen flicken... mal sehen wie lange es hält. Ich mache mich wieder auf den Weg und gehe davon aus, wild campen zu müssen, da auf meiner Karte keine weiteren Zeltplätze eingezeichnet sind... Kurz nach Ripplebrook gibt es aber noch einen, ich fahre hinein und entdecke direkt am Eingang einen Ranger (Ron), den ich frage ob er wüsste ob dieser Zeltplatz auch voll sei, was er bejaht, mir dann aber auf seinem Zeltplatz zurück in Ripplebrook einen Platz anbietet, er sei gross genug und es gäbe genug Platz dort um mein Zelt aufzustellen. Dankbar nehme ich an und fahre zurück.

Später lerne ich auch noch seine zwei Freunde (auch Ranger) Hannah & Vito kennen und wir verstehen uns auf Anhieb prächtig und haben eine wundervolle Zeit. Die drei laden mich zu einem zweitägigen Backpacking-Trip in der Mt. Hood Region ein, was sehr verlockend klingt, ich vorerst aber ablehne da ich das Gefühl habe, mit meiner Reise weiter vorankommen zu „müssen“. Als ich am nächsten Tag aber nach 5 Kilometern den nächsten Platten habe nehme ich dies als Zeichen und kehre um. Zum einen hätte ich wirklich nichts dagegen, mit diesen tollen Leuten etwas mehr Zeit zu verbringen, und zum anderen bin ich auf meiner Route einige Tage weit weg von einer Stadt, und meine Schläuche und Flickzeug sind mehr oder weniger aufgebraucht. Wenn mir hier unterwegs etwas passieren sollte wäre das ziemlich blöd.

 

Somit machen wir uns am nächsten Tag auf - die drei haben glücklicherweise einen grossen Rucksack für mich - wir fahren mit zwei Autos, stellen das eine bei Wahtum Lake ab, fahren mit dem anderen zum Startpunkt des "Eagle Creek Trail" und marschieren los. Der Weg ist wunderbar, immer entlang des Flusses, und ein Wasserfall folgt dem nächsten. Je weiter wir gehen umso weniger Leute sind unterwegs. Nach ca 15km suchen wir uns ein Nachtlager und schlagen unsere Zelte auf (und eine Hängematte ;-) ). Dienstag folgen dann noch einmal 14km und gut 900 Höhenmeter. Wir kommen am Ende durch ein Gebiet, in dem es von Huckleberries, Thimbleberries und Salmonberries nur so wimmelt, Herrlich. Eigentlich wollten wir nach Wahtum Lake noch zu einem Aussichtspunkt laufen, von dem aus man bei guter Sicht Mt. Hood, Mt. St. Helens und Mt. Rainier sehen kann, aber Vito hat Probleme mit seinem Knöchel, und somit lassen wir es besser bleiben.

 Nach einer Stärkung in einer der vielen Microbreweries (in Oregon gibt es unzählige kleine Bierbrauereien und dazugehörige „Bars“ - diese dürfen jedoch nie nur Alkohol verkaufen, deswegen bekommt man immer auch Essen, d.h. die Restaurantdichte ist hier z.T. recht hoch) holen wir das am Vortag abgestellte Auto ab und ich lasse mich anschliessend in Hood River absetzen. Hier gibt es mehrere Veloläden, sodass ich mir einen neuen Reifen, Schläuche und Flickmaterial besorgen kann, und anschliessend werde ich von hier aus meine Tour Richtung Ost-Oregon fortsetzen.


Nach einem Pausentag fahre ich ein paar Tage entlang des Columbia River auf dem Historic Highway, der sich abseits der Autobahn die Berge hinaufschraubt, zum Teil autofrei ist (und dort wo sie freigegeben ist nur wenig befahren ist) und immer wieder schöne Blicke auf den Fluss und die umgebenden Berge freigibt. An einer der schönsten Stellen, als ich recht hoch oben über dem Fluss fahre und es anschliessend über herrliche Serpentinen wie auf einer Passstrasse bergab geht ist es so extrem windig, dass es mich mehrfach umwedelt und ich nur im Schritttempo fahren kann. Die Tage sind recht heiss und ich halte bei jeder Möglichkeit an, um kalte Getränke und Popsicles zu kaufen. Meinen neuen Reifen habe ich wie einen Hula-Hoop-Reifen hinten über mein Gepäck gespannt, vielleicht hält der alte (geflickte) ja doch noch eine Weile... Zwei Tage lang besteht die Strecke zur Hälfte aus Schotter, und ich bin erstaunt dass der Reifen immer noch mitmacht, erwarte ich doch praktisch jeden Moment das Ende bei diesen Strassenverhältnissen.

Die Landschaft hat nun komplett gewechselt, links und rechts wirkt alles golden von Feldern und Ähren, darüber der stahlblaue Himmel. Schattenspendende Bäume gibt es leider selten, dafür rücken immer mehr Windräder ins Blickfeld. Am Nachmittag ist die Hitze kaum auszuhalten.

Auf dem Weg zum Cottonwood Canyon geht es stetig bergauf, zwichendurch hat man einen herrlichen Blick auf Mt. Hood und Mt. Adams. Mit den Feldern im Vordergrund wirkt das alles etwas surreal. Anschliessend links und rechts nur Steine, die die Hitze zusätzlich zurückprallen lassen. Ich trinke & schwitze was das Zeug hält. Als es die letzten 10km bergab geht ist die Freude gross. Der State Park im Cottonwood Canyon ist noch ganz neu und herzig gemacht, doch leider auch hier nicht wirklich durchdacht in manchen Punkten – ich bin zwar froh dass es wenigsten Trinkwasser & Toiletten gibt, jedoch sind die Hiker-Biker-Plätze die einzigen Plätze ohne Schatten... sind doch aber meiner Meinung nach gerade die Personen, die sich schon den ganzen Tag körperlich betätigen diejenigen, die den Schatten hier am meisten benötigen. Somit baue ich mir aus meiner Zeltplane zwischen Velo und Picknicktisch eine kleine schattenspendende Ecke, wo es sich gerade so aushalten lässt. Mein Velocomputer zeigt mir hier immer noch 40 Grad im Schatten an und ich warte nichtstuend (da selbst das Wasser in dem hier leider sehr flachen John Day River zu warm ist um Abkühlung zu bringen – laut einer Frau ist durch die Hitzewelle das Wasser nun Ende Juni bereits so warm wie sonst Ende August und die Fische sterben) stundenlang auf den Moment, in dem die Sonne hinter den Bergen verschwindet und es etwas kühler wird. Für den nächsten Tag stelle ich mir den Wecker auf 5 Uhr, um zeitig loszukommen, habe ich doch auf den nächsten 30 Kilometern fast 1000 Höhenmeter zu überwinden, was bei normalen Temperaturen schon anstrengend genug wäre.

6:30 sitze ich somit auf dem Rad – gerade mal einen guten Kilometer lang, dann gibt der geflickte Reifen doch nach und ich habe hinten wiederum keine Luft. Klasse. Nun, wenigsten habe ich den neuen Reifen! Eigentlich wollte ich den neuen vorne montieren und den von vorne nach hinten versetzen, angesichts meines Zeitplanes entscheide ich mich nun aber dagegen. Pustekuchen... da der neue Reifen 1 oder 2 Millimeter höher ist als der alte, passt es nict mit dem Schutzblech zusammen und der Reifen ratscht an einer Stelle immer dagegen. Somit versuche ich das Schutzblech dementsprechend anzupassen, was mit aber nicht gelingt. Bleibt nur die Hoffnung, dass er vorne passt – was er dann auch tut, aber die ganze Aktion kostet mich am Ende mehr als zwei Stunden, und als ich endlich starten kann ist es schon recht warm. Ich quäle mich die 6-9% Steigung für ein paar Kilometer hinauf, aber fühle mich schon bald so schwach und kraftlos wie schon lange nicht mehr, und selbst das Schieben wird zur Qual. Da ich mit den drei Rangern für den Abend eine Treffen abgemacht habe, damit wir am nächsten Tag gemeinsam zu den Painted Hills fahren können überlege ich schon, ob ich einfach hier am Strassenrand sitzen bleiben und auf sie warten soll, aber die Aussicht auf 10 Stunden sitzen bei über 40°, ohne jegliche Schatten und ohne die Möglichkeit Wasser nachzufüllen, erfüllt mich nicht gerade mit Freude. Als ich da so sitze und mir eine Weile selber leid tue hält ein Auto an – es ist eine ehemalige Polizistin, die fragt ob alles in Ordnung sei. Als sie mir anbietet, mich zur nächsten Stadt (Condon) mitzunehmen, sage ich natürlich nicht nein. Trotz ihres kleinen Autos kriegen wir Velo und Gepäck irgendwie hinein, und los gehts. Condon ist wirklich eine herzige Stadt mit kleinen Läden und einem hübschen Park, und jeder, dem man begegnet grüsst einen und fragt, wie es einem so geht.


Die Nacht verbringen wir auf einem unbeaufsichtigten städtischen Campground, auf dem wir die einzigen Gäste sind, der aber glücklicherweise eine Dusche hat. Der Sonnenuntergang und der Sternenhimmel sind umwerfend. Am nächsten Morgen geht es dann auf zum ersten Teil der „John Day Fossil Beds“, der „Clarno Unit“, die ein paar interessante Gesteinsformationen sowie jede Menge Fossilien, wie zB versteinerte Blattabdrücke, zu bieten hat. Sowohl wir als auch die Hunde leiden recht unter der Hitze, und anschliessend kühlen wir uns im nächsten Dorf mit Smoothies und Milkshakes ab, und begeben uns dann auf die Suche nach einem Zeltplatz. Die „Painted Hills“ werden wir dann am nächsten Morgen besichtigen.

Wir finden einen schönen Platz am Fluss, mit einem riesigen Baum, der genug Schatten für uns alle spendet, und so lässt sich der Nachmittag aushalten. Auch hier gibt es einen fantastischen Sternenhimmel zu bestaunen in der nahezu mondlosen Nacht, und wir sehen jede Menge Sternschnuppen.

 

Die „Painted Hills“ sind ein weiteres Highlight für mich. Tatsächlich wie von einem Maler geschaffen liegen die Hügel plötzlich mitten in der Landschaft, rote Striche und schwarze Punkte überziehen die gelblichen Höcker. Wir laufen alle möglichen Wege ab, bis es auch an diesem Tag zu heiss wird und wir uns zurückziehen. Wir fahren zu einer kleinen Stadt, bei uns würde man eher Dorf sagen, in der wir aber immerhin Internet finden (sowie selbstgemachte Limonade & Eistee), und ich studiere meine Strecke und das Wetter wieder einmal... für zwei, drei Tage ist etwas Abkühlung in Sicht, danach geht es weiter wie gehabt und in der Woche darauf steht eine neue Hitzewelle bevor... Die Entscheidung fällt mir alles andere als leicht diesmal. Auf der einen Seite gefällt mir diese karge Landschaft sehr, zudem gibt es herzige Orte, nette Menschen und wenig Verkehr. Aber ich scheine einfach nicht für die Hitze geschaffen zu sein, ich leide jedes Mal wie verrückt, fühle mich kraftlos und hundeelend. Sicher wäre es möglich, jeden Tag früh 5 Uhr zu starten und am Mittag aufzuhören, aber was macht man den Rest vom Tag? Jeden Tag stundenlang damit zu verbringen auf Abkühlung zu warten ist auch nicht so meine Vorstellung vom Reisen. Musste ich mir aber auch ausgerechnet eines der heissesten Jahre aussuchen... Ich lasse die Vernunft entscheiden und werde diesen Teil Oregons wohl mal zu einer anderen Jahreszeit besuchen müssen, so leid es mir nun auch tut. So fahre ich mit zurück in die angenehmen Wälder um Ripplebrook und werde dort einige Tage bleiben, um zu überlegen, wie es dann weitergeht. Wenigstens habe ich hier nette Menschen um mich herum, ich geniesse die Gesellschaft und das Internet ist auch nur einen guten Kilometer entfernt ;-)

Kommentare: 4 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    anselm.christen@me.com (Sonntag, 02 August 2015 09:58)

    liebe kathrin, wiederum haben wir uns mit dir gefreut über die schönen und angenehmen seiten deines abenteuers und ein bisschen mitgelitten bei den mühsamen dingen. dein schreibstil ist wirklich spannend. ganz herzlichen dank! wir wünschen dir weiterhin viel farbigkeit und abwechung.
    Barbara & anselm

  • #2

    The Muppets (Montag, 03 August 2015 12:52)

    Es ist wie immer eine grosse Freude, deine Reise per Wort und Bild zu verfolgen! Bewundernswert, dass du dich doch immer wieder aufraffst, um die mit Spannung erwarteten Berichte zu formulieren und in die Tasten zu hämmern...Auch in den kommenden Tagen wünschen wir dir viel Interessantes neben, vor und hinter deinen Rädern zu sehen und freuen uns, wenn du uns auch davon irgenwann wieder einen illustrierten Bericht zukommen lässt...Vielleicht hast du ja die grosse Hitzewelle hinter dir - zu uns kommt sie jetzt.
    Eine pannenlose Zeit wünschen dir von ganzem Herzen - deine Sachsen

  • #3

    Micha (Dienstag, 04 August 2015 00:11)

    Liebe Katrin,

    vielen Dank für deinen neuen Eintrag!

    Aber entschuldige dich doch bitte nicht für lange Texte! Es gibt doch sowieso niemanden, der von deinen Reiseerzählungen genug bekommen kann.
    Ich finde es viel "schader", dass diesmal keine Fotos von dir dabei waren (Oder bist du das doch unter dem Wasserfall?)! Auch wenn mich das Bild der knuffigen "Little Fre Library" beinahe versöhnt hat, hoffe ich auf Ausgleich beim nächsten Mal! :-)

    Sag mal: Wie schwer ist eigentlich das Gepäck, das du dort durch die Lande fährst, insgesamt ungefähr? Wieviele Klamotten hast du z.B. dabei?

    Das mit deinem Lieblingseis klingt ja verlockend! Bringst du mir bitte eins mit? ;-)

    Apropos: Wie weit kommst du bei diesen extremen Temperaturen mit dem Inhalt deiner beiden Wassersäcke?
    Wie ist die Wasserqualität an sich so? Musst du die Wasseraufbereitungstabletten häufig benutzen?
    Was trinkst du sonst so außer Wasser?
    Ich stoße dann jedenfalls zu Hause mit einer Tasse Muckefuck auf dich an! :-D

    Alles Liebe,

    Micha

  • #4

    Alice & Felix (Sonntag, 16 August 2015 22:05)

    Liebe Katrin,
    mit grossem Interesse verfolgen wir deine höchst anstrengende Tour. Wir bewundern deinen Durchhaltewillen und deine grosse Energie.
    Die Hitze machte auch uns sehr zu schaffen, auch ohne solch extreme Anstrengungen. Wie schaffst du das nur?
    Die Abwechslung mit Ron, Hannah u. Vito - oder auch die rettende Fahrt mit der Polizistin, wird dir bestimmt in bleibender Erinnerung sein.
    Dein Bericht und die vielen Fotos sind einfach ein Genuss, wir danken dir, dass wir an deiner Velo-Reise teilhaben dürfen, sogar ohne Anstrenung.
    Wir wünschen dir weiterhin eine gute Fahrt, wir denken oft an dich.
    Mit lieben Grüssen aus der Ostschweiz
    Alice & Felix

Twenty years from now you will be more disappointed by the things you didn't do than by the ones you did do. So throw off the bowlines, sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.

-- Mark Twain